Startup Weekend Jura 2012: Die Highlights vom #swjura

Ich durfte ein spannendes Wochenende in Saignelegier verbringen. Zusammen mit einem Dutzend Coaches haben 50 Teilnehmer acht Projektideen ausgearbeitet und am Sonntag einer Jury aus Unternehmern, Wirtschaftsförderung und VCs vorstellen. Die Teilnehmerschaft war ein bunter Mix aus Unternehmern, Studenten, Betriebswirtschaftlern, Forschern, IT-Entwicklern und Designern aus dem Raum Genf/Lausanne/Jura. Tobias und ich waren die einzigen Bieler und als Coaches tätig. What a shame!

Startupweekend.org ist ein fixfertiges Franchising-System, bei dem innerhalb von 54 Stunden ein Start-up ausgearbeitet wird.

  • Freitags durften sich die Teilnehmer ihre Startup-Idee gegenseitig präsentieren – dafür hatten sie genau 1 Minute Zeit. Jeder konnte im Anschluss seinen Lieblingsprojekten drei Startup-Dollar vergeben. Die Gründer der Top 10 waren nun aufgefordert, ein Team zusammenzustellen.
  • Freitagnacht, Samstag und Sonntag arbeiteten die Teams ihre Ideen aus, hinterfragten sie oder passten sie an und dabei wurden sie von uns Coaches gechallengt. Nichtsdestotrotz wurde Samstagnacht auch kräftig gefeiert.
  • Am Sonntagnachmittag durften die Teams ihre Idee vier Minuten lang der Jura präsentieren. Danach war drei Minuten Zeit für eine Fragerunde – und hopp, weiter zur nächsten Präsentation.

Allgemein bin ich beeindruckt, was in dieser kurzen Zeit entstehen kann. Hut ab vor allen Teilnehmern!

Fotos by Benedict Stalder

Der Gewinner: Ret2me
Mein persönlicher Favorit bereits am Freitag: Ret2me! Die Idee: 800’000 Computer werden jährlich an Flughäfen verloren. 50% davon finden nie mehr zu ihrem Besitzer zurück. Mit Ret2Me soll man wertvollen Sachen wieder finden können. Auf jedem wichtigen Objekt ist ein QR-Code aufgeklebt oder integriert (stylische iPhone-Hüllen etc.). Wenn eine Privatperson, die Polizei, Flughafenmitarbeiter oder Fundbüros das Objekt finden, können sie die Nummer oder den QR-Code auf der Website eingeben. Der Eigentümer wird benachrichtigt, zahlt erst dann eine Transaktionsgebühr (Ret2me-Fee, DHL-Kosten, Finderlohn) und kann anschliessend den Finder kontaktieren.

In den 54 Stunden des Startup-Weekends hat das Team bereits einen Prototypen realisiert: http://ret2.me/

Projektherausforderung: Wie bringt man die Codes an Produkten an?

Platz 2: XoXo Storymaker
XoXo ist eine Facebook App, mit der Eltern mit ein paar Klicks personalisierte und somit hoch relevante Stories für Kinder generieren können. Man kann die Kinder inhaltlich dort abholen, wo sie stehen: Modernes Märchen mit Eishockeyspielern statt Prinzessen? Kein Problem. Alle Mums & Dads werden so zum Superhero. Das Projekt basiert auf einem Freemium Business Model. Drei Stories sind kostenlos. Ist man auf den Geschmack gekommen oder möchte die Geschichten physisch als individualisiertes Buch erhalten, kostet XoXo. Schön: XoXo konnte bereits einen Lieferanten für mehrere Tausend individualisierbare Stories finden, der auf neue Absatzkanäle hofft. Dieses Video zeigt, wie man eine Geschichte konfigurieren kann. Vielversprechend!

Platz 3: Evalea
Das grösste Problem bei Second-Hand-Kleiderläden ist es, schöne Kleider in der passende Grösse zu finden. Evalea ist ein Peer-to-Peer-Kleidertauschportal, dass sich lokal orientiert. Der Kleidertausch zwischen den Usern findet in Partner-Kleiderläden statt. So wird der Tausch zum sozialen Event und geht weiter als Verkaufsportale wie vestiairecollective.com. Zudem verdienen die Partnershops am Crossselling. Auch hier entwickelte das Team bereist einen Protoypen.

Projektherausforderung: Wie bringt man rasch eine kritische Masse bei Anbietern und Nachfragern hin und wie bindet man die Kleiderläden ein? Mir gefällt, dass das Peer-to-Peer-Prinzip angewendet wird und die Idee eine disruptive Komponente hat: Zwischenhändler können mit der Zeit von den Konsumenten übersprungen werden.

Picksell
Picksell ist eine kostenlose App für den Absatz von lokalen Produkten. Der lokale Anbieter scannt sein Produkt ein (neu erfassen oder Zugriff auf Produktdatenbanken per Barcode). Finanzierungsmöglichkeiten gibt es über Affiliate Fees oder ein Freemium-Modell (Premiumauftritt der Anbieter).

Projektherausforderung: Small-Business-Kunden finden und bearbeiten. Zudem ist mir das Geschäftsmodell noch unklar und muss geschärft werden.

HoReCast.com
Ein Rundumsorglos-Paket für Hotel- und Restaurantbetreiber und ihre Lieferanten. Jährlich werden in der Schweiz rund 2500 neue Restaurants gegründet, die neue Kassensysteme benötigen. HoReCast bietet eine Mietlösung auf iPad-Basis und deckt Kasse, Inventory- und Order-Management ab. Toll fand ich, dass der Business-Case gut durchgerechnet war.

Projektherausforderungen: Viele Marktteilnehmer (Lieferanten und Restaurantbetriebe), die überzeugt werden müssen. Zudem: die Restaurant- und Hotelbranche gehört nicht zu den dynamischsten.

Velorux
100’000 Velos werden in der Schweiz jährlich gestohlen. Velorux ist ein kleines, lokales Fahrradaufbewahrungs-Container mit einem intelligenten Zutrittssystem auf Basis RFID und einer zentralen Verwaltungssoftware. B2B wird der fixfertige Unterstand an Gemeinden oder innovativen Unternehmen verkauft. Konsumenten können sich durch ein Abo einen Platz im Container sichern.

Projektherausforderung: Der USP und die physisch begrenzte Skalierbarkeit.

Prana Sustainable Water
90% des Trinkwassers, das für die Produktion von Produkten wie Kaffee, Ledertaschen etc. benötigt wird, wird nicht recycelt. Prana ist ein Zertifikat für Unternehmen, die nachhaltiger wirtschaften wollen. Sie verpflichten sich z.B. beim Kauf einer Kaffeemenge, auch das Recycling des Wassers zu finanzieren. Damit können kleine, lokale Wiederaufbereitungsanlagen finanziert werden. Die meisten Trades werden als Future abgeschlossen. Somit ist der Prozess gut planbar. Sehr tolle, aber komplexe Idee. Hier müssten insbesondere weitere Teammitglieder an Bord geholt werden, die umsetzungsorientiert sind. www.pranasustainablewater.ch

9-99.ch
Eine Softwarelösung für PC und iPad, die die Kommunikation für ältere Leute vereinfachen soll. Nur wesentliche Funktionen z.B. fürs E-Mail-Schreiben werden abgedeckt, der Rest des Betriebssystems wird ausgeblendet. Herausforderungen sehe ich in der Distribution und Akzeptanz. Mein Papa und Schwiegervater sind über 70 und begeisterte iPad-User. Sie brauchen dieses Tool nicht und noch ältere Leute sollen doch ruhig weiterhin zum Telefon greifen, um mit den Enkeln in Kontakt zu bleiben. :-)

Fünf Punkte, die ich von diesem Wochenende mitnehme:

  1. In 54 Stunden kriegt man konzentriert mehr hin als manchmal in mehreren Monaten. Hast du eine Idee? Dann melde dich am nächsten Startup-Weekend an.
  2. In einer respektive vier Minuten kann man mehr erzählen, als man denkt. Man braucht nur genügend Zeit und Erfahrung, um wesentlich zu werden.
  3. Der Mix der Teams ist entscheidend. Unterschiedliche Fachrichtungen sind zentral und bereichernd für die Kreativität.
  4. Developer sind Mangelware. Liebe Eltern: Schickt eure Kinder auf die Fachhochschule und nicht in die KV-Lehre!
  5. Das Startup-Weekend ist ein perfekter Ort fürs Networking und man lernt viele spannende, unterschiedliche und initiative Menschen kennen. Der Spirit war genial!

Read the Summary in English from Sébastien Flury.

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2 Gedanken zu “Startup Weekend Jura 2012: Die Highlights vom #swjura

  1. Patrick sagt:

    Hallo Mike, ich möchte gerne eine Aussage relativieren:

    “Developer sind Mangelware. Liebe Eltern: Schickt eure Kinder auf die Fachhochschule und nicht in die KV-Lehre!”

    Grundsätzlich bin ich mit dieser Aussage einverstanden, so haben wir beispielsweise in meiner Klasse (Wirtschaftsinformatik) nur gerade rund 20 %, die wirklich was von Coding und Java verstehen. Der Rest sind KV-Absolventen, die im Rahmen des Studiums das erste Mal mit Programmierung zu tun bekommen haben. So auch ich.

    Was ich damit auch noch sagen möchte: KV und Fachhochschule sollte nicht direkt vergleichen werden, das KV ist eigentlich eine erste mögliche Ausbildung nach der obligatorischen Schulzeit, erst nach erfolgter Berufsmatur folgt dann die Fachhochschule. Würde stehen, “Schickt eure Kinder in die Informatiker- und nicht in die KV-Lehre”, würde ich zu 100% zustimmen, denn Developer sind wirklich Mangelware.

    Wie gesagt, grundsätzlich bin ich mit der Aussage einverstanden, ich möchte einfach als ehemaliger KVler nicht, dass das KV “als etwas schlechtes” dargestellt wird, im Gegenteil. Das KV bietet eine gute Basis, auf der dann aufgebaut werden kann.

    Gruess
    Patrick

    • Mike Schwede sagt:

      Vielen Dank für den Inputs. Sehr gut, wenn wirtschaftliche und “ingeniöse” Themen zusammengebracht werden.

      Die KV-Lehre sollte als Sinnbild für klassische Ausbildungen stehen, von denen man meint, sie wären eine sichere gute Sache: Banklehre, Zahnarzt etc.

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