Letzten Freitagmorgen ist Google+ für einige Zeit ausgefallen und fast niemand hat es bemerkt. Das obwohl doch laut Google bereits mehr als 500 Millionen Menschen weltweit Google+ nutzen - oder sind es doch eigentlich nur 135 Millionen? Die PR-getriebene Zahlen-Jongliererei trägt leider nicht zur Glaubwürdigkeit des Megaprojekts bei. Das Google-User z.B. von Gmail automatisch zu einem Google+-Account gezwungen werden scheint zunächst auch nicht zielführend. Wichtiger als User ist doch das Engagement! Hier kann RJMetrics in einer Analyse von 40’000 Google+-Profilen kein gutes Zeugnis ausstellen. Das Engagement auf der Plattform ist im Gegensatz zu Facebook, Pinterest oder Twitter extrem tief:
- Im Schnitt erhält ein Post auf Google+ weniger als ein +1 und weniger als einen Reshare.
- Nur 30% der User, die einen öffentlichen Post gemacht haben, machen auch einen zweiten.
- Zwischen den öffentlichen Posts eines Users vergehen im Schnitt 12 Tage.
- Auch bei aktiven Usern nimmt die Anzahl öffentlicher Posts von Monat zu Monat stetig ab.
Obwohl ich das Design, die Usability und schlussendlich auch Google als Unternehmen gern habe, geht es mir nicht anders. Ich bin kaum aktiv: Neben Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp wird es zu viel. Das Google+ keine richtige API anbietet und keines meiner Tools (Buffer, Tweetdeck etc.) eine Google+-Anbindung unterstützt, ist dann das entgültige No-Go.
Hat Google das Social-Rennen gegen Facebook verloren?
Die Behauptung liegt bei diesen Zahlen nahe. Meine Antwort ist dennoch: Nein. Die Power von Google+ liegt nicht in der Plattform plus.google.com selbst, welche für lange Zeit keine Konkurrenz für Facebook sein wird, sondern in der Integration der Social-Funktionen in die bestehenden Services.
Userprofile
Gmail ist mit Recht eine der beliebtesten Mail-Plattformen und verfügt über 425 Millionen Nutzer. Aus Usersicht macht durchaus Sinn ein umfassenderes Google-Profil anzulegen und seinen Kontakten im Adressbuch zur Verfügung zu stellen. Schlussendlich ist E-Mail eines der ältesten Tools zur sozialen Interaktion im Internet.
Firmenprofile
Gerade lokal orientierte Firmen wie z.B. Restaurants, Shops oder Handwerksbetriebe müssen auf Google Maps und Google Places for Business auffindbar sein. Der Firmenauftritt ist kostenlos, geobasiert und wohl inzwischen mindestens so wichtig wie die Gelben Seiten. Die Integration von Userreviews bringt zudem erste Social-Media-Elemente in die Suchresultate auf Google. Durch die Übernahme von Wildfire wird die Veröffentlichung von Coupons und Wettbewerben über das Firmenprofil wohl so einfach werden, wie man sich das von Adwords gewöhnt ist. (Update: Google bietet Small Businesses nun kostenlos Website inkl. Hosting und CMS.)
Bewährte Google-Produkte
Die Suche wurde bereits social und zeigt die +1 meiner Kontakte an. Dies hat einen wesentlichen Einfluss auf die Klickraten. Google Maps nutzt jeder, sei es auf dem Desktop oder Smartphone. Hier stolpert der User über die Firmenprofile, wird kommentieren und reviewen und sicher Promotionen der Unternehmen nutzen.
Content, Content, Content
Google hat schon längst eine starke Social-Plattform: Youtube ist gerade bei Jugendlichen als Social Network beliebt. Google hat hier unglaublich viel und guten Content und müsste nur noch den Newsstream und die Chat-Experience verbessern. Der viel gelobte „Second Screen“ wird obsolet werden.
Was wird neben Videos sonst noch gerne auf Facebook geteilt? Fotos, Musik und Newsberichte. Mit Google News, Google Currents und Google Music hat das Unternehmen auch hier eine gute Ausgangslage. Für Nerds steht mit Google Groups das Urgestein von Social Media bereit: Foren. Irgendwann wird Google+ wohl auch Blogger gänzlich ablösen.
Google kennt uns besser als Facebook
Google kennt unsere Interessen, unser Verhalten und unseren Standort aufgrund der (mobilen) Suche oder Apps wie Google Now. Mit Projekten wie Google Schemer sucht Google nach Möglichkeiten uns noch besser kennen zu lernen und den Opt-in für Marketingaktionen von uns zu erhalten. Google hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Facebook: Google kennt unsere Interessen besser (Interest-based Targeting) als Facebook (Social-based Targeting). Wir alle wissen: das Interessens-Targeting auf Facebook gibt nicht viel her und hat eine tiefe Reichweite. Inhalte und Werbung sind bei Google relevanter und geniessen eine höhere Akzeptanz bei Usern wie werbetreibende Unternehmen. Schafft Google den Sprung ins Social-Networking, wird die Werbung eine runde Sache: denn wenn relevanten Informationen auf Freundesinformationen treffen, steigen Glaubwürdigkeit und Konversion massiv.
Social Business
Neben Gmail, Calendar und Google Docs sind bei Unternehmen die Google Apps für Business sehr beliebt. Zusammen mit den Google+ Hangouts und internen Firmen- und Abteilungs-Circles auf Google+ ist dieses Paket leistungsstärker als vergleichbare Lösungen von Social Enterprise Anbietern wie z.B. Yammer.
Ready for Social Commerce
Im Gegensatz zu Facebook kennt Google viele Kreditkarten der User aufgrund von Android Play Stores und Google Checkout. Google Wallet wird dann die Verbindung zu den oben erwähnten Marketing-Möglichkeiten für Local Business machen.
Google ist nicht nur virtuell
IOT, das Internet of Things wird immer wichtiger und wird unser Leben nachhaltig revolutionieren. Auch hier ist Google im Gegensatz zu Facebook schon im richtigen, physischen Leben angekommen: Ein eigenes Smartphone, Googel TV, androidbasierte Auto-Entertainmentsysteme oder die Google Glasses verbinden die reale und die virtuelle Welt zur Augmented Reality.
Was fehlt noch?
- Obwohl ich schon Jahre Google Talk nutze, fehlt ein richtiger Messenger auf meinem Android und Laptop, der das Leben wirklich einfacher macht. Im Gegensatz zu Apple hat Google es noch nicht geschaft Google Talk und SMS in einer App zu verbinden.
- Spielerische Gamification-Elemente und nützliche Geoservices à la Foursquare.
- Eine API für Entwickler, um die Social Funktionen in die eigenen Apps und Websites zu integrieren oder die Plus-Auftritte zu managen.
Google steht noch am Anfang
Social Media ist Content, Dialog und Identität. Um diese Bereiche abzudecken, ist Google eigentlich schon extrem gut aufgestellt. Mit Google Plus konnte das Unternehmen das Social Prinzip ausprobieren und wird nun seine Services verbinden und ausbauen (die AGB aller Google Services wurden ja bereits angeglichen).
Aktuell ist aus Usersicht plus.google.com keine Alternative zu Facebook. Mittelfristig wird Google aber Facebook abhängen. Social wird wohl als Plattform im Sinne eines Social Network Services wie Facebook an Bedeutung verlieren. Social als Feauture und Prinzip integriert in bestehende beliebte Services wie Search, Youtube, Maps oder Gmail wird hingegen immer wichtiger.
Eventuell wird sich aber auch das kommerzielle, soziale Leben eher auf Google, das private, persönliche Leben inklusive Entertainment (Games, Spotify, Netflix etc.) auf Facebook weiterhin abspielen. Oder wird uns die Übermacht von Google langsam ungemütlich? Dann werden Dritte, kleinere und „liebere“ Unternehmen in Nischenanwendungen das Rennen machen (the rise of interest based social networks)… bevor sie dann von einem grossen Player aufgekauft werden. Glücklicherweise halte ich schon sehr lange Google-Aktien und keine von Facebook. Und dies wird auch so bleiben.






