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KI-News KW 26 – Google verliert Talente, MCP wird enterprise-tauglich, der EU AI Omnibus ist durch
Innerhalb einer Woche verliert Google zwei Schlüsselköpfe: Nobelpreisträger John Jumper geht zu Anthropic, Transformer-Mitautor Noam Shazeer zu OpenAI. Dazu: MCP-Konnektoren werden via Okta zentral verwaltbar, der EU AI Omnibus verschiebt die Hochrisiko-Fristen, Europa kündigt ein KI-Modell an – und hat mit Teuken 7B längst eines, das keiner kennt. Fable 5 bleibt offline, GLM-5.2 ist offen, GPT-5.6 steht als Gerücht im Raum.

1. Talentkrieg: Google blutet, Anthropic und OpenAI gewinnen
Innerhalb einer Woche hat Google zwei seiner prominentesten KI-Forscher verloren – an genau die beiden Konkurrenten, gegen die es kämpft.
John Jumper geht zu Anthropic. Jumper ist Vice President bei Google DeepMind und gewann 2024 den Nobelpreis für Chemie für AlphaFold, das KI-System zur Vorhersage von Proteinstrukturen. Am Donnerstag, 19. Juni, kündigte er auf X seinen Wechsel zu Anthropic an – nach fast neun Jahren bei DeepMind. Erst will er pausieren, dann anfangen. Welche Rolle er übernimmt, ist offen. Der Wechsel passt zu Anthropics Ausbau in Richtung Life Sciences und computergestützte Biologie.
Noam Shazeer geht zu OpenAI. Einen Tag früher, am Mittwoch, 18. Juni, gab Shazeer seinen Abgang bekannt. Er war Vice President of Engineering bei Google und Co-Lead der Gemini-Modelle. Vor allem aber ist er Mitautor des Papers «Attention Is All You Need» von 2017 – jener Arbeit, die die Transformer-Architektur einführte, auf der heute praktisch jedes grosse Sprachmodell aufbaut. Google hatte ihn vor weniger als zwei Jahren für rund 2,7 Milliarden Dollar von Character.AI zurückgeholt. Bei OpenAI wird er «Lead for AI Architecture Research» und verantwortet das Grunddesign künftiger Modelle.
Einordnung: Google hat das Top-Modell und die Top-Forscher:innen – aber es hält sie nicht. Beide Abgänge gingen an die zwei reinen KI-Labs, die am Frontier-Modell und am Börsengang arbeiten. Talent folgt dort hin, wo die spannendste Arbeit und der grösste Upside sind. Für Google ist das ein doppeltes Signal: nicht nur beim Rollout (siehe Sektion 6), auch beim Halten von Schlüsselpersonal verliert es Boden gegen Anthropic und OpenAI.
2. Fable 5: eine Woche später immer noch offline
Letzte Woche habe ich berichtet, wie die US-Regierung Anthropics stärkstes öffentliches Modell per Export-Kontroll-Anordnung abschaltete. Der Stand diese Woche: nichts hat sich bewegt.
Die Anordnung kam am 12. Juni von Handelsminister Howard Lutnick. Seither sind Claude Fable 5 und das stärkere Mythos 5 weltweit offline. Anthropic-Ingenieur:innen waren in Washington für die ersten persönlichen Gespräche mit dem Handelsministerium seit dem 12. Juni. Stand 18. Juni: kein Reaktivierungsdatum, keine formelle Aufhebung der Anordnung. Ein kursierendes Gerücht, der Zugang kehre «innert 48 Stunden» zurück, stammt nicht von Anthropic und ist unbestätigt.
Pikant am Rande: Fable 5 sollte bis 22. Juni gratis in den Abos enthalten sein, ab 23. Juni nur noch gegen Guthaben. Diese Frist läuft jetzt ab – während das Modell für niemanden verfügbar ist.
Einordnung: Das bestätigt die Lehre aus KW 25. Ein Modell war drei Tage das beste am Markt, dann zehn Tage und mehr komplett weg. Wer einen Prozess fest daran gekoppelt hatte, steht weiter ohne Ersatz da. Häng deinen Betrieb nie an ein einzelnes Modell.
3. MCP wird enterprise-tauglich: zentral verwaltete Konnektoren
Am 18. Juni hat Anthropic eine Neuerung gebracht, die im Alltag mehr bewegt als mancher Modell-Launch: Enterprise-Managed Authorization für MCP-Konnektoren.
Bisher musste jede:r Mitarbeitende jedes Tool, das Claude anbinden soll – Jira, Figma, das CRM –, einzeln selbst autorisieren. Neu kann die IT-Administration die Konnektoren einmal zentral freigeben. Beim ersten Login erhalten Mitarbeiter:innen automatisch Zugang zu den für ihre Gruppe vorgesehenen Tools, ohne eigenes Setup – über Claude Chat, Claude Code und Cowork hinweg. Die Freigabe folgt den Gruppen aus dem Identitätssystem.
Erster unterstützter Anbieter ist Okta. Zum Start dabei sind sieben Konnektoren: Asana, Atlassian (Jira, Confluence, Rovo), Canva, Figma, Granola, Linear und Supabase. Slack folgt. Das Ganze basiert auf einer offenen Erweiterung des Model Context Protocol – funktioniert also auch mit selbst gebauten Konnektoren und für jeden Claude-Kunden gleich. Verfügbar ist es als Beta für Team- und Enterprise-Pläne.
Einordnung: Das räumt die grösste Hürde beim Ausrollen von KI-Agenten in einer Firma weg – das individuelle Verknüpfen von Tools durch jede:n Einzelne:n. Für KMU heisst das: Onboarding und Governance liegen bei der IT, nicht bei jeder Person am Pult. Einschränkung: noch Beta, und vorerst nur mit Okta als Identitätsanbieter.
4. EU AI Act: der «AI Omnibus» ist durch
Das Europäische Parlament hat am 16. Juni dem «AI Omnibus» final zugestimmt. Das Paket ändert zentrale Fristen und Regeln des EU AI Acts.
Die Pflichten für Hochrisiko-KI werden verschoben. Gemeint ist KI, die über Menschen entscheidet – Software, die Bewerbungen aussortiert, Kreditwürdigkeit prüft oder Personen biometrisch identifiziert. Für solche eigenständigen Systeme gelten die Pflichten neu ab 2. Dezember 2027. Steckt die KI als Sicherheitsbauteil in einem regulierten Produkt – etwa in einem Medizingerät, einer Maschine oder einem Auto –, gilt der 2. August 2028.
Die Kennzeichnungspflicht kommt am 2. Dezember 2026. Ab dann müssen KI-generierte Inhalte maschinenlesbar als solche markiert sein.
Zwei neue Verbote treten ebenfalls am 2. Dezember 2026 in Kraft: das Erzeugen nicht-einvernehmlicher intimer Darstellungen («Nudifier») sowie Material über sexuellen Kindsmissbrauch.
Für die Schweiz: Es gibt kein eigenes KI-Gesetz nach EU-Vorbild. Der Bundesrat will stattdessen die KI-Konvention des Europarats ratifizieren. Schweizer Firmen mit EU-Geschäft sind aber an die EU-Fristen gebunden.
Einordnung: Für die meisten Firmen bedeutet der Omnibus Luft – die teuren Hochrisiko-Pflichten sind über ein Jahr nach hinten gerutscht. Konkret und nah ist dagegen die Kennzeichnungspflicht im Dezember 2026. Wer KI-Inhalte publiziert, sollte die maschinenlesbare Markierung jetzt einplanen. Bürgerrechtsorganisationen kritisieren das Paket als Deregulierung, die Schutzrechte schwäche – ein Punkt, der in der politischen Debatte weiterläuft.
5. Europa will ein eigenes KI-Modell – und hat schon eines, das keiner kennt
Am 19. Juni hat die EU-Kommission das Konsortium «EUROPA» bestimmt. Auftrag: ein offenes KI-Modell für den Kontinent entwickeln, unabhängig von den USA und China.
Der Haken: Ein offenes europäisches Modell gibt es längst. Teuken 7B, gebaut im deutschen Forschungsprojekt OpenGPT-X (Fraunhofer, DFKI, Forschungszentrum Jülich, TU Dresden). Trainiert in allen 24 EU-Amtssprachen, über die Hälfte der Daten nicht-englisch, frei auf Hugging Face. Klingt gut – hat aber zwei Probleme. Erstens die Leistung: Mit 7 Milliarden Parametern spielt Teuken in der Liga von Metas Llama 3.1 8B und Mistral 7B – Modelle der Einsteigerklasse, weit weg von Claude, GPT oder GLM. Zweitens, und gravierender: Kaum jemand kennt es.
Einordnung: Das ist Europas KI-Dilemma in einem Bild. Die Kommission kündigt an, etwas zu bauen, das es im Kleinen schon gibt – während das Bestehende mangels Leistung und Sichtbarkeit niemand nutzt. Geld und Ankündigungen ersetzen weder Rechenleistung noch Reichweite. Eine europäische Alternative entsteht nicht durch ein weiteres Konsortium, sondern durch ein Modell, das Leute tatsächlich einsetzen.
6. Kurz und wichtig
GLM-5.2: das offene Modell rückt näher. Am 17. Juni hat Z.ai (früher Zhipu) GLM-5.2 unter MIT-Lizenz mit offenen Gewichten veröffentlicht – am selben Tag, an dem Fable 5 und Mythos 5 für Ausländer:innen gesperrt wurden. Es ist ein sogenanntes Mixture-of-Experts-Modell: Statt für jede Anfrage das ganze Modell zu nutzen, aktiviert es nur die passenden Teil-Netze. So stehen zwar 744 Milliarden Parameter (das gespeicherte Wissen) bereit, aber pro Anfrage rechnen nur 40 Milliarden mit. Ergebnis: das Wissen eines riesigen Modells zum Tempo und Preis eines kleinen. Auf SWE-bench Pro, einem Test für echte Programmieraufgaben, erreicht es 62,1 Punkte – vor GPT-5.5 (58,6) und damit das stärkste offene Modell; bei langen Aufgaben liegt es knapp hinter Opus 4.8. Genau das ist der Plan B aus Sektion 2 in Reinform: ein offenes Modell auf eigener Hardware kann keine Regierung abschalten. Wichtig: Das gilt für die offenen Gewichte. Wer GLM über die China-API nutzt, holt sich ein Datenschutz-Thema ins Haus.
GPT-5.6 – erwartet, aber unbestätigt. Mehrere Quellen erwarten OpenAIs nächstes Modell zwischen 22. und 28. Juni; auf Polymarket liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 83 bis 89 Prozent. Chief Scientist Jakub Pachocki nennt es intern eine «bedeutende Verbesserung». Kursierende Specs (1,5 Millionen Token Kontext, aggressiver Preis unter Claude) stammen aus Entwickler-Leaks – OpenAI hat Stand 22. Juni nichts offiziell bestätigt. Behandle das als Ausblick, nicht als Fakt.
Google, der Ankündigungsweltmeister. Gemini Notebooks – Googles Antwort auf Projects bei Claude, ChatGPT und Mistral – sind endlich auch in Europa und der Schweiz verfügbar. Aber nur in der Gratisversion. Zahlende Google-AI-Abonnent:innen im EWR und in der Schweiz wurden beim Rollout übersprungen und müssen warten. Wer zahlt, wird also faktisch bestraft. Dazu ist das an der I/O angekündigte Gemini 3.5 Pro Stand 19. Juni weiterhin nur in begrenzter Vertex-Preview. OpenAI und Anthropic launchen am Tag der Ankündigung weltweit. Google kündigt an – und liefert Monate später, gestaffelt, mit Lücken.
xAI legt bei Video vor. Grok Imagine Video 1.5 ist seit 16. Juni allgemein verfügbar und führt das Image-to-Video-Arena-Ranking an. Preis: 4.20 Dollar pro Minute in 720p – gegenüber 30 Dollar pro Minute bei Sora 2 Pro, also rund 86 Prozent günstiger. Das Modell macht aus einem Standbild plus Textprompt Clips bis 15 Sekunden, mit Ton im selben Durchgang.
Drei Dinge, die du diese Woche beachten solltest
1. Plane die Kennzeichnungspflicht ein. Ab 2. Dezember 2026 müssen KI-generierte Inhalte in der EU maschinenlesbar markiert sein. Publizierst du solche Inhalte, kläre jetzt, wie deine Tools das umsetzen.
2. Bleib bei einem Plan B. Fable 5 ist nach über zehn Tagen immer noch weg. Hängt ein Prozess an einem einzigen Modell, richte einen zweiten Anbieter ein und teste ihn.
3. Behalte Enterprise-Managed Auth im Auge. Wenn du KI-Agenten in deiner Firma ausrollst, wird die zentrale, IT-verwaltete Tool-Freigabe das Onboarding stark vereinfachen – vorerst mit Okta, bald breiter.