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KI-News KW 35 – Werbung zieht ins Gespräch ein

Seit Montag laufen ChatGPT-Anzeigen in der Schweiz. Ich habe mir den Ads Manager von innen angeschaut: Kontexthinweise statt Keywords, Targeting bis auf Kantone, Produktfeeds. Dazu ein eigener Test von acht Schweizer Onlineshops – und der überraschende Befund, dass Coop, Migros und Brack für KI schlicht unsichtbar sind, obwohl keiner von ihnen die Bots aktiv sperrt.

Letzte Woche kam kein Newsletter, ich bin umgezogen. Dafür deckt diese Ausgabe zwei Wochen ab.

Das wichtigste Thema: Seit Montag laufen ChatGPT-Anzeigen in der Schweiz. Ich habe mir den Ads Manager angeschaut und zeige dir, was drin steckt. Dazu zwei neue Schweizer Studien, wie stark KI den Kaufentscheid prägt. Und warum viele Onlineshops davon nichts haben.

1. ChatGPT Ads läuft in der Schweiz

Seit Montag, 24. August, zeigt OpenAI Anzeigen in ChatGPT. In 31 Märkten: die 27 EU-Staaten plus Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Anzeigen sehen nur Nutzende der Gratisversion und des günstigen Go-Abos. Plus, Pro und Enterprise bleiben werbefrei.

  • Buchen kannst du zum Start über das OpenAI-Werbeteam oder über Agenturpartner wie Publicis, WPP, Omnicom, MediaPlus, Havas und dentsu.

  • Anzeigen sind gekennzeichnet und von der Antwort getrennt. Werbetreibende bekommen die Chatverläufe nicht zu sehen.

  • Laut OpenAI hat rund jeder fünfte Chat eine klare kommerzielle Absicht.

Ich habe es selbst getestet. Vom Schweizer Standort aus komme ich noch nicht in den Ads Manager. OpenAI führt eine öffentliche Länderliste: Freigeschaltet sind Australien, Brasilien, Kanada, Japan, Korea, Mexiko, Neuseeland, Grossbritannien und die USA. Die Schweiz steht auf der Liste mit dem Status «bald verfügbar».

Ich habe darum ein Konto in London eröffnet. Das hat funktioniert, und damit konnte ich mir das Werkzeug ansehen. Was drin steckt:

  • Zielgebiete: Die Schweiz lässt sich als Zielmarkt auswählen, heruntergebrochen bis auf Kantone und Regionen. Wer aus einem freigeschalteten Land bucht, erreicht also bereits heute Schweizer Publikum.

  • Aufbau: Kampagne, Anzeigengruppe, Anzeige. Wer Meta kennt, findet sich sofort zurecht.

  • Anzeigenformat: Titel mit 50 Zeichen, Beschreibung mit 100 Zeichen, dazu ein Bild und die Ziel-URL.

  • Ziele: Reichweite, Klicks oder Abschlüsse.

  • Kontexthinweise statt Keywords: Man beschreibt in eigenen Worten, bei welchen Gesprächen, Themen oder Suchbegriffen das eigene Angebot relevant sein könnte. OpenAI nennt das ausdrücklich eine Hilfe für die Zuordnung, keine Regel für exakte Übereinstimmung.

  • Produktdaten: Kataloge lassen sich als CSV oder TXT hochladen, über eine gehostete Adresse einbinden oder per SFTP automatisiert übermitteln.

  • Eigene Zielgruppen: Bestehende Kundenlisten lassen sich hochladen und als Zielgruppe verwenden.

Einordnung: Der entscheidende Punkt vorweg: Als Schweizer Unternehmen kommst du im Moment nicht selbst an ein Werbekonto. Ohne Zugang zu einem Konto in einem freigeschalteten Land geht gar nichts, egal wie gut du vorbereitet bist. Wenn du jetzt starten willst, läuft das über mich. Meld dich einfach.

Inhaltlich ist der Punkt mit den Kontexthinweisen der spannendste. Du buchst keine Suchbegriffe mehr, sondern beschreibst Situationen. Das verlangt andere Vorarbeit als eine Keyword-Liste: Du musst wissen, in welchen Lebens- und Geschäftslagen dein Angebot die richtige Antwort ist, und das in Klartext formulieren können. Wer das nicht sauber hinbekommt, wird schlecht zugeordnet.

Parallel dazu lohnt sich die technische Vorbereitung: Messpixel setzen, Erfolgsmessung klären, Produktkatalog aufbereiten.

2. Der Kaufentscheid fällt in der KI. Viele Shops sperren sich selbst aus

Am Dienstag veröffentlichten IGEM und WEMF den Digimonitor 2026. Befragt wurden 1957 Personen zwischen 15 und 75 Jahren. Die Zahlen, die für dein Geschäft zählen:

  • 80 Prozent nutzen KI-Dienste. Vor einem Jahr waren es 60 Prozent, 2024 erst 40 Prozent.

  • 39 Prozent nutzen KI als Einkaufsberatung. Damit liegt KI gleichauf mit Youtube und vor Social Media.

  • 77 Prozent nutzen den KI-Modus in der klassischen Suchmaschine. Nur 57 Prozent gehen gezielt zu einer KI-Plattform.

  • ChatGPT erreicht 67 Prozent der Bevölkerung, also 4,3 Millionen Menschen. Dahinter Gemini mit 32 und Copilot mit 30 Prozent. Claude und Perplexity kommen auf je 10 Prozent, Mistral auf 3.

  • Gekauft wird noch woanders: Nur 6 Prozent kaufen direkt über eine KI-Plattform.

Die Beratung vor dem Kauf ist damit verschoben, der Kauf selbst noch nicht. Und die Suche wandert nicht weg von Google, sondern in Google hinein.

Und jetzt der Punkt, der mich jede Woche sehr überrascht. Genau weil der Kaufentscheid zunehmend im Chat fällt, ist es erstaunlich, wie viele Onlineshops für KI unsichtbar sind. Die Folge ist banal: Wenn ein Shop im Vergleich nicht auftaucht, kaufe ich bei einem anderen. Oder ein anderes Produkt. Niemand klappert danach noch alle Seiten einzeln ab.

Ich habe das getestet. Produkte finden und Angebote vergleichen. Geprüft habe ich, was ein KI-Bot von acht Schweizer Shops überhaupt zu sehen bekommt.

Sperren tut fast niemand. Ich habe die robots.txt aller Shops angeschaut, also die Datei, in der eine Website festhält, welche Bots sie hereinlässt. Bei Coop, Migros, Brack, Manor, Globus, Interdiscount, Fust und Galaxus kommen die KI-Bots dort schlicht nicht vor. Das heisst: erlaubt.

Zwei Ausnahmen sind interessant.

Amazon sperrt konsequent. Die Liste ist lang und aktuell gepflegt: ChatGPT, Claude, Perplexity, Copilot, Gemini, Grok, DeepSeek, Mistral. Wer bei Amazon einkaufen will, muss zu Amazon. Was ich zum Beispiel nicht mache. Ich kaufe schlicht woanders. Ich finde das recht dumm und naiv von Amazon.

MediaMarkt macht es als Einziger bewusst. Die Datei ist von Hand kuratiert und unterscheidet sauber: ChatGPT, Claude, Google, Apple, Meta und Perplexity ausdrücklich erlaubt. Gesperrt sind dagegen Mistral, Amazon und Cohere. Bemerkenswert daran ist, dass ausgerechnet das europäische Modell draussen bleibt.

Trotzdem sind drei grosse Schweizer Shops unsichtbar. Coop und Migros liefern beim Abruf gar nichts, eine komplett leere Antwort. Brack schickt 72'000 Zeichen Code, darin stehen nur Titel und Beschreibungstext, kein Preis und keine Produktliste. Hornbach wiederum lässt einen Bot gar nicht erst bis zur Seite: Dort greift eine automatische Abwehr, die jeden Zugriff prüft und die meisten abweist.

Der eigentliche Befund ist damit ein anderer als erwartet. Wer aus dem KI-Vergleich fällt, fällt meist nicht wegen einer Entscheidung, sondern wegen der eigenen Technik. Wenn eine Seite ihre Inhalte per Javascript aufbaut, sieht der Bot nur ein leeres Gerüst. Eine bewusste Sperre wäre immerhin eine Strategie. Das hier ist ein blinder Fleck.

Hier gilt dasselbe wie bei SEO: Euer Webteam muss die Hausaufgaben sauber machen, damit KI euren Shop erfassen kann. Oder ihr setzt gleich auf eine Plattform wie Shopify, die das von Haus aus unterstützt.

Ein zweiter Fallstrick betrifft alle, die bewusst blockieren. OpenAI schickt zwei verschiedene Bots. Der eine sammelt Trainingsdaten, der andere holt die Inhalte für die Antworten in der ChatGPT-Suche. Wer beide sperrt, weil er sein Material nicht ins Training geben will, verschwindet gleichzeitig aus den Antworten.

Einordnung: Lass diese Woche drei Dinge prüfen. Erstens, ob deine Produktseiten ohne Javascript lesbar sind, also ob Preise und Beschreibungen wirklich ankommen. Zweitens, welche Bots in deiner robots.txt stehen. Drittens, ob eure Bot-Abwehr KI-Systeme mitblockiert, so wie es bei Hornbach passiert. Punkt drei übersieht fast jeder, weil die Einstellung nicht im Marketing liegt, sondern beim Hosting.

Nebenbefund, der für alle Shops gilt: Produktdetailseiten funktionieren meist, Kategorie- und Suchseiten fast nie. Strukturierte Produktdaten und eine saubere Sitemap bringen darum mehr als eine schöne Shop-Navigation.

3. Sichtbarkeit in KI-Antworten ist nicht planbar

Reddit war über lange Zeit die meistzitierte Quelle in KI-Antworten. Mitte August fiel Reddits Anteil an den Zitaten in der ChatGPT-Suche innert weniger Tage um über 86 Prozent, von rund 3,8 auf 0,5 Prozent. Die Zahlen stammen von der Analyseplattform Promptwatch. Bei Google gab es keinen vergleichbaren Einbruch.

Es trifft nicht nur Reddit. Zitate von Tiktok gingen um 72 Prozent zurück, jene von Youtube um 88 Prozent. Betroffen sind also alle Plattformen, auf denen Nutzende selbst Inhalte erstellen.

Dafür gewinnt eine andere Sorte Quelle massiv: offizielle Produktdokumentation, Hilfeseiten und Firmenwebsites. Ihr Anteil an allen Zitaten stieg sprunghaft auf fast ein Drittel. ChatGPT sucht gezielter, statt breit im Netz zu stöbern.

Ein wahrscheinlicher Grund ist hausgemacht: Weil Reddit lange stark in KI-Antworten auftauchte, haben Agenturen und Marken die Plattform mit Beiträgen geflutet, um genau dort zu landen. OpenAI äussert sich nicht dazu. Fachleute weisen ausserdem darauf hin, dass Reddit-Inhalte im Hintergrund weiterhin gelesen werden, in der Antwort aber nicht mehr als Link erscheinen. Und schon im September 2025 gab es einen ähnlichen Einbruch, damals erholten sich die Zahlen nach einigen Monaten.

Einordnung: Zwei Dinge daraus. Erstens: Eine grosse Plattform kann in wenigen Tagen fast ihre ganze Präsenz in einem KI-System verlieren. Ohne Ankündigung, ohne Erklärung, ohne Einspruch. Wenn es Reddit trifft, trifft es deine Website erst recht. Sichtbarkeit in KI-Antworten ist kein Kanal, den man aufbaut und dann besitzt, sondern eine Momentaufnahme, die man laufend messen muss.

Zweitens, und praktisch wichtiger: Die eigene Website gewinnt an Bedeutung. Wenn KI-Systeme von Foren und Videos weg und hin zu offizieller Produktdokumentation wandern, ist deine eigene Produktseite die Quelle, die zitiert wird. Wer bisher darauf gesetzt hat, über Umwege in KI-Antworten zu landen, sollte das Budget zurück auf die eigenen Inhalte lenken.

Passend dazu eine Schweizer Zahl: Im B2B-Monitor 2026 von Carpathia nutzen 27 Prozent aller Befragten KI für die Produkt- und Lieferantensuche. Bei Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden sind es 54 Prozent. Die Stichprobe ist mit 146 Teilnehmenden klein, die Richtung eindeutig.

4. Was die Leute wirklich von KI im Kundenkontakt halten

Merkle befragte 2500 Personen in 23 Ländern. Die Antworten zum Einkaufserlebnis relativieren die Euphorie:

  • 43 Prozent halten KI beim Einkauf für sehr oder extrem wichtig. Das ist der letzte Platz aller abgefragten Faktoren. In Europa sind es 34 Prozent.

  • 90 Prozent nennen dagegen Sicherheit und Datenschutz sehr oder extrem wichtig.

  • Nur 28 Prozent haben grosses Interesse daran, mit einem KI-Agenten einer Marke zu interagieren.

  • 51 Prozent wollen im Kundenservice überwiegend mit Menschen sprechen.

  • 49 Prozent zweifeln stark daran, dass KI korrekte Antworten liefert.

Einordnung: Zusammen mit dem Digimonitor ergibt das eine klare Rollenverteilung. Menschen nutzen KI intensiv, um sich selbst zu informieren, und wollen sie nicht als Gesicht der Marke. Wer daraus einen Chatbot in der Hotline ableitet, liest die Zahlen falsch. Wer daraus ableitet, dass die eigenen Produktinformationen für Maschinen lesbar sein müssen, liest sie richtig.

5. Google bringt Videoproduktion in die Werbeplattform

Am 25. August kündigte Google an, sein Videomodell in das Asset Studio von Google Ads zu integrieren. Aus einem Briefing, den Markenrichtlinien und einer Website-URL entstehen Storyboards und fertige Videoszenen. Bearbeitet wird per Anweisung in normaler Sprache: Szenen, Sprecherstimmen, Tempo, Formate. Die Ausgabe geht direkt in Demand Gen, Performance Max und Youtube-Kampagnen.

Am selben Tag wurde ein zweiter Test sichtbar. In Performance Max können Werbetreibende künftig einzelne Kanäle bevorzugen oder zurückstellen: Suche, Youtube, Display, Discover, Gmail und Maps. Bisher liess sich das nicht steuern.

Preislich zieht die Konkurrenz mit. Alibaba startete am 24. August die Testversion seines Videomodells Wan3.0. Es erzeugt Clips bis 30 Sekunden und nimmt auch PDF- und PowerPoint-Dateien als Vorlage. Eine halbe Minute in voller Auflösung kostet rund 6 Dollar.

Einordnung: Videovarianten entstehen künftig in der Werbeplattform statt in der Produktion. Die Arbeit verschiebt sich von der Umsetzung zur Vorgabe, und die Voraussetzung sind Markenrichtlinien, die eine Maschine lesen kann. Prüfen muss trotzdem ein Mensch. Beim Kanaltest ist Zurückhaltung angebracht: Was ein Kanal in der Statistik zeigt, ist nicht dasselbe wie sein Beitrag zum Verkauf.

6. Modelle werden billiger, die Anbieter bauen eigene Chips

Anthropic macht den günstigen Preis von Sonnet 5 dauerhaft. Die für den 1. September geplante Erhöhung um 50 Prozent entfällt. Wer mit diesem Modell kalkuliert hat, behält seine Annahme.

Google veröffentlicht Gemini 3.7 Flash zu einem Einführungspreis, der bis zum 31. Dezember 2026 gilt. Ab Januar verdoppelt er sich. Wenn du mit einem Modellpreis rechnest, gehört das Ablaufdatum in die Kalkulation.

Die Gemini-App hat über 1 Milliarde Nutzende pro Monat. Im Juli waren es noch 950 Millionen.

Alibaba hat sein Spitzenmodell zum Download freigegeben. Wichtig für alle, die so etwas im Haus betreiben wollen: Die Lizenz ist keine der üblichen freien Lizenzen, sondern eine eigene mit Auflagen ab bestimmten Umsatzschwellen. «Offen» im Marketingtext heisst nicht automatisch «frei nutzbar». Lizenz lesen, bevor jemand darauf aufbaut.

OpenAI hat einen eigenen Chip. Am 25. August zeigte die Firma erstmals Messwerte von Jalapeño, ihrem selbst entwickelten Chip für den Modellbetrieb. Laut eigenen Angaben leistet er anderthalb bis knapp doppelt so viel pro Stromeinheit wie die besten gekauften Systeme und antwortet deutlich schneller. Der Einsatz in OpenAIs Rechenzentren beginnt bis Ende Jahr.

Einordnung: Wer Modell, Software und Chip zusammen baut, senkt seine Kosten dauerhaft statt nur über befristete Aktionspreise. Daraus entstehen die nächsten Preissenkungen. Für dich heisst das: gute Nachricht bei den Kosten, aber mehr Abhängigkeit. Je stärker der Preisvorteil eines Anbieters in dessen eigener Hardware steckt, desto schwieriger wird ein Vergleich mit anderen. Alle Zahlen stammen von OpenAI selbst, unabhängig geprüft ist nichts.

7. OpenAI drosselt die eigene Entwicklung

OpenAI hat am 18. August offengelegt, dass es die Arbeit an seinem nächsten grossen Modell bewusst verlangsamt. Anlass sind Hinweise darauf, dass das Modell die höchste Risikostufe im firmeneigenen Sicherheitsrahmen erreichen könnte, konkret bei Cyberangriffen.

Was das praktisch heisst: Zwei Wochen Trainingspause, der grösste geplante Trainingslauf bleibt weiterhin gestoppt, und jede Nutzung dieses Modells steht unter dauernder Überwachung. Erkennt das System etwas Auffälliges, muss innert 30 Minuten ein Mensch entscheiden, ob es ein Fehlalarm war. Sonst wird abgeschaltet.

Die Zahl, die hängen bleibt: Diese Überwachung kostet rund 20 Prozent der Rechenleistung, die sie überwacht.

Einordnung: Ein Fünftel der Kapazität geht in die Aufsicht. Wer im eigenen Unternehmen Agenten mit Zugriff auf Systeme einsetzt, sollte diese Grössenordnung einplanen. Protokollierung, Alarmierung und Abschaltbarkeit sind ein eigener Budgetposten, kein Nebenkosten-Detail. Und der übliche Vorbehalt: Wer öffentlich sagt, sein Modell sei womöglich zu gefährlich, macht damit auch Werbung für dessen Leistung.

Einen Tag später kündigte OpenAI etwas an, das für Banken, Versicherungen und das Gesundheitswesen wichtiger ist. Bisher galt oft: Wer die stärksten Modelle wollte, musste dem Anbieter erlauben, sensible Inhalte zur Sicherheitsprüfung zu speichern. Genau daran scheitern solche Projekte regelmässig. Künftig sollen automatische Systeme Auffälligkeiten erkennen, ohne dass Mitarbeitende von OpenAI die Inhalte je sehen. Die Verschlüsselung kontrolliert die Kundschaft. Start im September.

8. Europa, die Schweiz und die Regeln

Mistral sammelt Zusagen für europäische Rechenzentren. Das französische Unternehmen lässt sich von Firmen und Institutionen mehrjährige Abnahmen zusichern, um in Europa Kapazität in einer Grössenordnung zu bauen, die niemand allein finanzieren könnte. Mit dabei sind unter anderem ASML, Capgemini, Amadeus und CMA CGM. Kund:innen können neu wählen, ob ihre Anfragen in Europa oder in den USA verarbeitet werden.

Zwei Wochen später verkauft Mistral dasselbe Argument nach Saudi-Arabien. Am 24. August kündigte die Firma eine Zusammenarbeit mit dem staatsnahen Anbieter HUMAIN an, im Umfang von mehreren hundert Millionen Euro.

Einordnung: Souveränität ist ein Produkt, keine Mission. Dieselbe Argumentation, eigene Infrastruktur und eigene Kontrolle, wird an den nächsten Kunden verkauft. Für Schweizer Firmen ist die nüchterne Lesart: Mistral ist ein Anbieter mit einem guten Angebot zur Datenhaltung. Kauf die Leistung, nicht die Erzählung.

Die Schweiz bekommt bis Ende Jahr einen Regulierungsentwurf. Der Bundesrat hat am 14. August bestätigt, dass der Vorentwurf zur KI-Regulierung bis Ende 2026 vorliegen soll. Er setzt die KI-Konvention des Europarats um und erfasst auch Allzweck-Modelle wie ChatGPT. Zentrale Themen: Transparenz, Datenschutz, Nichtdiskriminierung und Aufsicht.

Einordnung: In rund vier Monaten weisst du, wohin es geht. Bis dahin lohnt sich keine Compliance auf Vorrat. Was sich lohnt, ist die Inventur: Wo im Unternehmen läuft KI, welche Daten fliessen hinein, wer ist zuständig. Diese Arbeit brauchst du unabhängig vom Gesetzestext.

Der erste Grundsatzstreit über staatliche KI geht ans Bundesgericht. Am 25. August reichten die Digitale Gesellschaft und weitere Organisationen Beschwerde gegen das revidierte Zürcher Polizeigesetz ein. Die Kantonspolizei soll KI-gestützte Analysesysteme schon bei Vorermittlungen einsetzen dürfen, also ohne konkreten Tatverdacht, und dabei besonders schützenswerte Daten verarbeiten. Qualitätsstandards für diese Systeme hat der Kantonsrat nicht festgelegt.

Einordnung: Die Kernfrage lautet: Darf ein KI-System eingesetzt werden, ohne dass jemand definiert hat, wie gut es sein muss? Die stellt sich in jedem Unternehmen genauso. Das Urteil wird die Erwartungen an Qualitätsnachweise in der Schweiz prägen, weit über die Polizei hinaus.

Und der Arbeitsmarkt. Eine Manpower-Umfrage vom 11. August unter 581 Schweizer Arbeitgebern: 56 Prozent wollen für KI-Kompetenz einen Lohnaufschlag zahlen, bei Firmen ab 250 Mitarbeitenden 66 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Einstellungsbereitschaft schwach. Heisst: Firmen zahlen für KI-Kompetenz, stellen aber kaum jemanden neu ein. Der Weg dorthin führt über die eigene Belegschaft.

9. Kurz und wichtig

Agenten verbrauchen inzwischen mehr Rechenleistung als Menschen. Seit Februar hat sich der Verbrauch durch Agenten vervierzehnfacht, jener durch Menschen nicht einmal verdreifacht.

Meta AI übernimmt Kampagnenarbeit. Seit dem 20. August lassen sich Meta-Kampagnen und Google Workspace direkt mit Meta AI verbinden. Der Assistent wertet die Leistung aus, empfiehlt Anpassungen und erstellt daraus Präsentationen oder Tabellen. Die naheliegende Frage: Wie verlässlich sind Empfehlungen einer Plattform, die dir erklärt, wie du auf ihr selbst Geld ausgeben sollst? Prüf sie gegen den Deckungsbeitrag, nicht gegen Klicks.

Ask Gemini startet heute in Google Chat. Die Funktion sucht über Gmail, Drive und Kalender, fasst Gespräche zusammen und verwaltet Termine. Zwei Haken: Sie greift nur bei englischer Kontosprache. Und wo sie greift, verschwindet die bisherige Gemini-Seitenleiste samt der dort angelegten Gems, der Verlauf wird nicht übernommen. Wer dort etwas hat, sollte jetzt exportieren.

Anthropic hat ein Wasserzeichen für Claude-Texte eingeführt, um die EU-Kennzeichnungspflicht zu erfüllen. Es verändert weder Qualität noch Preis und lässt sich nicht auf einzelne Personen zurückführen. Wichtiger ist, was es nicht kann: Bei kurzen Texten, bei Zahlen und Fakten sowie beim blossen Korrekturlesen greift es kaum. Ein Treffer beweist nur, dass Claude wahrscheinlich beteiligt war, nicht wer geschrieben hat.

Google geht den umgekehrten Weg und lässt Nutzende das sichtbare Wasserzeichen auf KI-Bildern und -Videos entfernen. Die unsichtbare Herkunftsangabe in den Dateiangaben bleibt.

Einordnung zu beiden: Bau keine Richtlinie auf technische Erkennung von KI-Texten. Sie funktioniert genau dort nicht, wo es im Unternehmen darauf ankäme. Regel stattdessen organisatorisch, wo KI-Einsatz erlaubt ist und wo er offengelegt werden muss.

Skills bringen Struktur, nicht Wissen. Eine Untersuchung von Princeton und UC San Diego kommt zum Schluss, dass vorgefertigte Anleitungen Agenten vor allem durch klare Abläufe besser machen. Je grösser die Sammlung, desto schlechter finden Agenten die passende Anleitung. Wenige gute schlagen viele mittelmässige.

Netflix testet ein Sprachmodell gegen sein eigenes Empfehlungssystem und meldet bessere Ergebnisse als mit der über Jahre optimierten Lösung. Interessant für alle, die viel Geld in klassische Empfehlungslogik gesteckt haben.

Drei Dinge, die du diese Woche tun solltest

1. Prüf, ob KI deine Produktseiten überhaupt lesen kann. In meinem Test lieferten drei grosse Schweizer Shops einem KI-Bot gar nichts oder nur Codegerüst, obwohl keiner von ihnen die Bots aktiv sperrt. Lass das Webteam nachschauen, ob Preise und Beschreibungen ohne Javascript ankommen, was in der robots.txt steht und ob eure Bot-Abwehr KI-Systeme mitblockiert. Bei 39 Prozent der Bevölkerung, die KI zur Einkaufsberatung nutzen, ist das teuer.

2. Wenn du in ChatGPT werben willst, brauchst du zuerst Zugang zu einem Werbekonto. Von der Schweiz aus bekommst du selbst noch keines. Melde dich bei mir, dann läuft es über mich. Parallel dazu: Messpixel setzen, Erfolgsmessung klären, Produktkatalog aufbereiten. Und überleg dir, in welchen Situationen dein Angebot die richtige Antwort ist. Genau das gibst du dort ein, keine Keywords.

3. Plan Aufsicht ins Agenten-Budget ein. OpenAI wendet rund 20 Prozent der Rechenleistung für die Überwachung der eigenen Modelle auf. Du baust nicht dasselbe, aber die Grössenordnung stimmt: Protokollierung, Alarmierung und Abschaltbarkeit sind ein eigener Posten. Wer sie später nachrüstet, zahlt zweimal.

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