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KI-News KW 24 – Microsoft macht Foundry zum App-Store, Apple mietet sich Gemini für Siri AI, OpenAI und Anthropic reichen IPO ein

Microsoft bündelt über 11'000 Modelle in einem Azure-Zugang und bringt Claude direkt in Excel. Apple zeigt an der WWDC «Siri AI» auf Google-Basis – startet aber vorerst nicht in Europa. OpenAI und Anthropic reichen innert einer Woche beide vertraulich den Börsengang ein. Dazu: Trumps freiwilliges KI-Dekret, der EU-AI-Act-Countdown und der SpaceX-IPO.

1. Microsoft Build: Ein Zugang zu 11'000 Modellen – und Claude direkt in Excel

An der Build 2026 (2.–3. Juni) hat Microsoft die KI-Plattform-Strategie für das Jahr aufgelegt. Zwei Punkte zählen für dich.

Foundry wird zum App-Store für Modelle. Der Modellkatalog in Microsoft Foundry umfasst neu über 11'000 Modelle – von Frontier-Modellen (OpenAI GPT-5.5, Anthropic Claude Opus 4.8, Sonnet und Haiku, Google Gemini) über Open Source bis zu spezialisierten Vision-, Multimodal- und Zeitreihen-Modellen. Alle laufen über einen einzigen Azure-Endpunkt mit einer einzigen Abrechnung. Für Unternehmen heisst das: ein Vertrag, ein Login, ein Billing – statt fünf Anbieter einzeln anzubinden. Das Agent Framework (stabile Orchestrierung, Multi-Agent-Muster, Integration von GitHub Copilot SDK und Claude Agent SDK) ist jetzt im stabilen Release. (Microsoft Foundry Blog)

Claude kommt in Excel. Microsoft und Anthropic haben die Partnerschaft erweitert. Neu lässt sich Claude direkt im Excel Agent Mode aufrufen – Formeln schreiben und erklären, Daten bereinigen, Analysen formulieren, Workflows bauen, ohne die Tabelle zu verlassen. Excel hat geschätzt 750 Millionen Nutzer:innen weltweit. Damit sitzt Claude im Werkzeug, das in fast jedem Büro offen ist. (A Guide to Cloud – Build 2026 Recap)

Einordnung: Microsoft verkauft nicht das beste Modell, sondern den bequemsten Zugang zu allen. Das ist die stärkere Position. Wer Microsoft 365 nutzt, bekommt KI dort, wo schon gearbeitet wird – Excel, Copilot, Teams. Für die meisten Schweizer KMU ist das relevanter als jeder Benchmark-Wettlauf. Eine Warnung: Microsoft rechnet Copilot-Coding neu nach Token-Verbrauch ab. Forrester nennt das «das neue Einstiegsdrogen-Modell». Behalt die Kosten im Auge, bevor ganze Teams agentisch coden.

2. Apple WWDC: «Siri AI» läuft auf Google – aber vorerst nicht in Europa

An der WWDC-Keynote vom Montag, 8. Juni, hat Apple den grössten Siri-Umbau seit Jahren gezeigt – in Tim Cooks letzter Keynote als CEO, bevor er das Amt am 1. September an Hardware-Chef John Ternus übergibt. Apple benennt Siri in Siri AI um. Das neue Siri ist eine eigenständige App, hält ein Gespräch hin und her, versteht persönlichen Kontext und Bildschirminhalte und kann appübergreifend handeln – in einer Demo navigierte es zu einem Ort aus einem Instagram-Post. Die Passwords-App ändert unsichere Passwörter neu agentisch selbst. (TechCrunch)

Die Google-Beziehung, präzise. Apple baut kein eigenes Frontier-Modell, sondern eine zweite Generation seiner Apple Foundation Models – in Zusammenarbeit mit Google. Das Top-Modell AFM Cloud Pro ist laut Apple qualitativ vergleichbar mit Gemini Frontier und läuft auf Nvidia-GPUs in Googles Cloud. Der Deal wurde im Januar 2026 abgeschlossen, berichtet für rund 1 Milliarde Dollar pro Jahr. Die Verarbeitung läuft dreistufig: On-Device, Apple Private Cloud Compute, und die Cloud-Modelle. «Siri AI ist nicht Gemini mit Apple-Logo» – aber ohne Google geht es nicht. (CNBC)

Du wählst dein Modell. Über das neue Extensions-Framework in iOS 27 können Nutzer:innen künftig ein Drittmodell als Standard-Assistenten setzen – Claude, ChatGPT oder Gemini. Apple beendet damit die exklusive ChatGPT-Bindung; die Öffnung ist auch eine Reaktion auf den EU Digital Markets Act. Für Anthropic ist das die grösste Consumer-Chance der Firmengeschichte: Claude wird erstmals direkt auf dem iPhone wählbar. Apple hat rund 2,2 Milliarden aktive Geräte. (The Next Web)

Wichtig für die Schweiz und Europa: Siri AI startet nicht in Europa und China – Apple nennt regulatorische Hürden. Ab Montag gibt es eine Developer-Beta (neueste Geräte nötig), für alle anderen kommt das neue Siri im Herbst per Software-Update mit neuer Hardware. Heisst konkret: Auch in der Schweiz dürfte das neue Siri vorerst nicht verfügbar sein. Die Apple-Aktie rutschte während der Keynote ins Minus.

Einordnung: Ein Muster wiederholt sich: Die spannendsten KI-Funktionen kommen in Europa später an. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich zeigen. Was ist uns Sicherheit und Datenschutz wert?

3. Anthropic: vertraulicher Börsengang, Claude überall, Marktanteil verdreifacht

Anthropic hat in dieser Woche drei Schritte gemacht, die zusammenpassen.

Vertrauliches IPO-Filing. Am 1. Juni hat Anthropic vertraulich den Börsengang eingereicht – kurz nach der Series-H-Runde, die das Unternehmen mit 965 Milliarden Dollar bewertet (siehe KW23). Berichtete Eckdaten: rund 44 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz, erster operativer Gewinn (ca. 559 Millionen Dollar) für Q2 2026 in Aussicht. (Anthropic Newsroom)

Claude wird zum Ökosystem. Anthropic hat den Claude Partner Hub und eine Services Track gestartet – ein formalisiertes 100-Millionen-Dollar-Partnerprogramm für Firmen, die Claude bei Unternehmen produktiv einführen. Logik: Ein erfolgreicher Pilot ist nicht dasselbe wie ein System, auf dem ein Betrieb läuft. Anthropic baut das Partner-Netzwerk, das Salesforce mit dem AppExchange für CRM aufgebaut hat. Parallel wurde Project Glasswing (Claude findet selbständig Software-Schwachstellen) auf rund 150 Organisationen ausgeweitet. (Anthropic – Expanding Project Glasswing)

Marktanteil verdreifacht. Laut dem Momentic-Report (Datenbasis Similarweb) liegt ChatGPT bei 54,7 % der weltweiten Web-Besuche unter den sieben grössten KI-Chatbots – im Februar 2025 waren es noch 76,5 %. Google Gemini folgt mit 27,4 %, Claude mit 8,2 %. Claudes Zahl wächst aber am schnellsten: plus 306 % in einem Quartal, von 203 Millionen Web-Besuchen im Januar auf 824 Millionen im April 2026. In den USA liegt Claude bei 12,5 %. Wichtige Einschränkung: Gemessen werden nur Besuche im Browser. Viele nutzen Claude aber über die Desktop-App – besonders Cowork – und das taucht in der Messung gar nicht auf. Ebenso fehlen die Mobile-Apps, die in Windows und Microsoft 365 eingebettete Nutzung und der API-Verbrauch. Anthropics Enterprise-Umsatz wächst laut Berichten schneller, als die Web-Zahlen zeigen. (Momentic)

Einordnung: Das Muster aus KW23 setzt sich fort. OpenAI macht lautere Demos, Anthropic baut Claude in die Werkzeuge ein, in denen ohnehin gearbeitet wird – Excel, bald das iPhone, Partner-Implementierungen beim Kunden. Modell-Benchmark und tatsächliche Verbreitung sind zwei Themen. Anthropic gewinnt gerade bei der Verbreitung.

4. Regulierung: Trump setzt auf Freiwilligkeit, Colorado und die EU setzen Fristen

Diese Woche zeigt den ganzen Spagat der KI-Regulierung – freiwillig in Washington, verbindlich in Colorado und Brüssel.

Trumps Dekret (2. Juni): freiwillig. Die USA schreiben den KI-Firmen nichts vor. Der Kern: Wer will, kann der Regierung neue Modelle bis zu 30 Tage vor dem Start vorab zeigen – freiwillig, keine Lizenz, keine Pflichtprüfung. Verbindlich ist nur ein Teil: Die Behörden müssen ihre Cyber-Abwehr verstärken, und eine neue Stelle beim Finanzministerium soll künftig koordinieren, wie Sicherheitslücken in Software gefunden und geschlossen werden. Kurz: Washington setzt auf Anreize statt Regeln – das Gegenteil des europäischen Ansatzes. (White House, NPR)

Colorado, 30. Juni – die erste echte US-Frist. Der Colorado AI Act tritt in 22 Tagen in Kraft und gilt für Hochrisiko-KI in Beschäftigung, Gesundheit, Finanzdienstleistungen, Bildung, Wohnen und Recht. Pflichten: Risikomanagement-Programm, jährliche Folgenabschätzungen, Offenlegung bei automatisierten Entscheiden, Einspruchsrecht für Betroffene. Ein Bundesgesetz («Great American AI Act») will die Bundesstaaten-Gesetze für drei Jahre aussetzen – es ist aber noch nicht durch den Ausschuss, und die Colorado-Frist gilt unabhängig davon. (buildfastwithai)

EU AI Act, 2. August – noch 55 Tage. Der grosse Teil der EU-Verordnung greift in 55 Tagen. Dann gelten die vollen Pflichten für Hochrisiko-KI (Beschäftigung, Bildung, kritische Infrastruktur, Finanzdienste, Strafverfolgung, Migration, Justiz). Die grossen Allzweck-Modelle wie GPT-5.5, Claude Opus 4.8, Gemini und Grok 4.3 bekommen zusätzliche Transparenz- und Prüfpflichten. Bussen: bis 35 Millionen Euro oder 7 % des globalen Jahresumsatzes. (buildfastwithai)

Einordnung für die Schweiz: Wer in der EU verkauft oder mit EU-Kund:innendaten arbeitet, hat in zwei Monaten echte Pflichten – Risikoabschätzung, Dokumentation, menschliche Aufsicht müssen vorher stehen. Wer eigene Daten nicht in die USA geben will, schaut auf den Souveränitäts-Stack: Mistral nimmt sein neues Rechenzentrum bei Paris (13'800 Nvidia-GB300-GPUs) Ende Juni in Betrieb und positioniert sich klar als europäische Alternative zu OpenAI und Anthropic. Die EU-Frist beschleunigt diese Entscheidung. (Euronews – Mistral)

5. Schnellfeuer: Modell-Fenster Juni, SpaceX-IPO, S&P-500-Absage, Dark Patterns

Juni wird ein Monat voller neuer Modelle. Google hat an seiner Konferenz ein stärkeres Gemini (Version 3.5 Pro) für diesen Monat angekündigt, ein genaues Datum fehlt. Auch von Anthropic wird Mitte Juni ein neues Claude-Modell erwartet, offiziell bestätigt ist es nicht. Mein Rat: Plane mit den Modellen, die heute verfügbar sind – nicht mit Gerüchten.

Auch OpenAI reicht vertraulich ein (8. Juni). Eine Woche nach Anthropic gibt nun OpenAI bekannt, einen vertraulichen S-1-Entwurf bei der SEC eingereicht zu haben. Die Mitteilung ist ungewöhnlich offen: «Wir erwarten, dass es durchsickert, also kündigen wir es einfach an. Über das Timing haben wir noch nicht entschieden; es kann eine Weile dauern.» Heisst: ein Börsengang ist vorbereitet, aber nicht terminiert. Damit haben innert sieben Tagen die zwei grössten KI-Labs den Gang an die Börse formal eingeleitet. (OpenAI)

SpaceX-IPO am 11./12. Juni. SpaceX geht an die Börse: Preis am Donnerstag, Handel ab Freitag unter dem Kürzel SPCX. Ziel: 75 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar oder mehr – der grösste Börsengang der Geschichte. Der KI-Bezug: Elon Musks KI-Firma xAI (Grok) steckt im selben Konzern. Auffällig: 30 % der Aktien gehen an Privatanleger:innen, normal sind eher 10 %. Das wirkt weniger wie eine grosse Geste, eher wie ein Hinweis, dass die grossen institutionellen Investoren die Aktie für zu teuer halten – der KI-Teil xAI schreibt rote Zahlen (während SpaceX dank Starlink insgesamt profitabel ist). Grösster Scam oder grösster Börsengang der Geschichte? Wird sich zeigen. SpaceX, Anthropic und OpenAI drängen jedenfalls fast gleichzeitig auf den Markt.

Kein KI-Boom im Index-Sparplan. Wer passiv in einen S&P-500-Fonds investiert, ist an den grossen KI-Firmen vorerst nicht beteiligt. Der Indexbetreiber hat am 4. Juni entschieden, SpaceX, Anthropic und OpenAI nicht schneller aufzunehmen – sie müssen erst über ein Jahr an der Börse sein und mehrere Quartale Gewinn ausweisen. Heisst: frühestens ab Mitte 2027. Über den Tech-Index Nasdaq-100 könnten sie früher reinkommen. Relevant für alle, die glauben, mit einem Index-Sparplan automatisch am KI-Boom teilzuhaben. (Fortune)

37 manipulative Muster in Chatbots. Eine US-Bürgerrechtsorganisation hat 37 manipulative Muster in ChatGPT, Gemini, Claude, Replika und Character.AI dokumentiert – von künstlich verlängerten Sitzungen über erschwerte Kontolöschung bis zu emotionaler Abhängigkeit. Nicht alle sind gleich gravierend, einige sind normales App-Design. Die Muster zur emotionalen Abhängigkeit sind aber ernst zu nehmen – und ein Vorgeschmack auf die regulatorischen Fragen. Mein Gedanke: Was wir bei Social Media versäumt haben, sollte der AI Act mitdenken – den Schutz der Nutzer:innen. Sonst streichen die Konzerne die Gewinne ein, und wir sitzen auf den Gesundheitskosten. (buildfastwithai)

Drei Dinge, die du diese Woche beachten solltest

1. Prüf, ob Foundry deine Anbieter-Verträge vereinfacht. Wenn du heute drei oder vier KI-Anbieter einzeln abrechnest, rechne durch, was ein einziger Azure-Vertrag bedeutet – und ob die Token-Abrechnung beim Coding zur Kostenfalle wird. Erst rechnen, dann ausrollen.

2. Bereite die EU-AI-Act-Frist vor, falls sie dich betrifft. Arbeitest du mit EU-Kund:innendaten oder verkaufst du in die EU? Dann hast du 55 Tage bis zum 2. August. Mach eine ehrliche Liste: Wo nutzt du KI für Entscheide über Menschen – Bewerbungen, Kredite, Zugänge? Genau dort brauchst du Dokumentation und menschliche Aufsicht.

3. Rechne damit, dass Siri AI in der Schweiz später kommt. Apple startet das neue Siri vorerst nicht in Europa. Wenn die Modellwahl (ChatGPT, Gemini, Claude) hier verfügbar wird, nimm dieselbe Aufgabe und vergleich die drei direkt auf dem Gerät – du wirst merken, dass «das beste Modell» stark von deiner konkreten Aufgabe abhängt. Bis dahin testest du die Modelle weiter in den jeweiligen Apps.

PS in eigener Sache: Bei der Post ist diese Woche mein Praxis-Guide «KI im E-Commerce: Wann sie wirklich hilft – und wann man lieber die Finger davon lässt» erschienen. Von Datenanalysen über Produkttexte bis Datenschutz – was konkret funktioniert und wovon du lieber die Finger lässt. (Zum Artikel)

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