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KI-News KW 23 – Anthropic überholt OpenAI, Mistral goes Industrie AI, KI schafft in der Schweiz mehr Stellen
Claude Opus 4.8 ist da, Anthropic schiesst auf 965 Milliarden Bewertung und überholt OpenAI. Mistral wird mit Airbus, BMW, EDF und CMA CGM industriell und baut ein eigenes Rechenzentrum. Die EU schiebt die meisten AI-Act-Fristen um 16 Monate, zieht aber bei Deepfakes hart durch. In der Schweiz zeigt eine EY-Studie: KI schafft mehr Stellen als sie abbaut – noch.

1. Anthropic: Claude Opus 4.8, 965 Milliarden Bewertung, Mythos bald für alle
Anthropic hat in einer Woche drei Schritte gemacht, die zusammen das Machtgefüge im KI-Markt verschieben.
Claude Opus 4.8 ist seit dem 28. Mai live. Anthropic beschreibt das Modell mit «schärferem Urteilsvermögen, mehr Ehrlichkeit über den eigenen Fortschritt und der Fähigkeit, länger autonom zu arbeiten als die Vorgänger». In den Benchmarks: agentisches Coding steigt von 64,3 % auf 69,2 %, multidisziplinäres Reasoning mit Tools von 54,7 % auf 57,9 %, agentische Computernutzung von 82,8 % auf 83,4 %. Das Wissensarbeits-Score springt von 1753 auf 1890. Frühe Tester:innen berichten, Opus 4.8 sei rund viermal seltener bereit, Fehler im eigenen Code stillschweigend durchgehen zu lassen. Preise bleiben identisch zu 4.7. Neu in claude.ai: Nutzer:innen steuern, wie viel Aufwand Claude in eine Aufgabe stecken soll. Claude Code bekommt «dynamic workflows» für sehr grosse Probleme. Der Fast Mode arbeitet mit 2,5-facher Geschwindigkeit und kostet dreimal weniger als bei den Vorgängern. (Anthropic News)
Ich habe Claude 4.8 in den letzten Tagen ausprobiert und bin sehr zufrieden. Was du dir merken solltest: Überleg dir vor jedem Chat, wie komplex die Aufgabe wirklich ist – und wähl dann den passenden Modus zwischen low, medium, high, extra und in absoluten Ausnahmefällen max. Eine schnelle Mail braucht keinen high-Mode. Ein strategisches Konzept oder eine schwierige Analyse profitieren stark davon. Max bleibt für die paar Fälle, wo es wirklich zählt.
965 Milliarden Bewertung. Am selben Tag schloss Anthropic eine Series H über 65 Milliarden Dollar ab, geführt von Altimeter, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia. Co-Lead: Capital Group, Coatue, D1, GIC, ICONIQ, XN. Mit dabei: Baillie Gifford, Blackstone, Fidelity, General Catalyst, Insight, Jane Street, Lightspeed, MGX, T. Rowe Price, Temasek. 15 Milliarden Dollar davon sind bereits zugesagte Investitionen der Hyperscaler, inkl. 5 Milliarden von Amazon. Bewertung nach der Runde: 965 Milliarden Dollar. Damit überholt Anthropic OpenAI erstmals. Hochgerechnet auf das Jahr verdient Anthropic aktuell rund 47 Milliarden Dollar – mehr als das Achtfache seit der Februar-Runde. (Anthropic Series H)
Claude Mythos wird breit verfügbar gemacht. Im April hatte Anthropic das Modell als zu gefährlich für eine öffentliche Freigabe eingestuft – es findet selbständig Software-Schwachstellen besser als praktisch jede:r Mensch. Nach Project Glasswing (über 10'000 hochkritische Vulnerabilities in 30 Tagen identifiziert, inkl. 27 Jahre alter OpenBSD-Bug und 16 Jahre alter FFmpeg-Lücke) bereitet Anthropic den breiten Rollout vor. Während der Mozilla-Tests fand Mythos 271 distinkte Sicherheitslücken in Firefox. Anthropic spricht von 6–12 Monaten bis Mythos-Klasse-Modelle breit verfügbar sind.
Einordnung: Die Bewertung ist Story-Material, der substanzielle Punkt liegt anderswo. Erstens: Während OpenAI in Q1 2026 pro Dollar Umsatz 1,22 Dollar verlor (vgl. KW22), sind Anthropics Zahlen deutlich besser – mehr Umsatz pro Kunde, weniger Verlust pro Kunde. Zweitens: Mit Opus 4.8 und der konkreten Mythos-Pipeline hat Anthropic den klarsten Weg zu nützlichen Agenten – nicht zur grössten Demo. Drittens: Wer das letzte Jahr zugesehen hat, sieht das Muster. OpenAI launcht agentische Features lauter, Anthropic baut sie ein. ChatGPT-Erlebnis und Modell-Benchmark sind zwei verschiedene Themen.
2. Mistral: vom Modell-Anbieter zum Industrie-Lieferanten
Am 28. Mai hielt Mistral seine erste eigene Konferenz, den AI Now Summit in Paris. Vier Ankündigungen, die zusammen die Strategie definieren.
Mistral for Industrial Engineering ist eine KI-Lösung speziell für Schwerindustrie – das Modell versteht physikalische Zusammenhänge und kann mit echten Konstruktions- und Simulationsdaten umgehen. Launch-Kunden: Airbus, BMW, EDF, CMA CGM. Der Airbus-Deal läuft über fünf Jahre, deckt zivile Luftfahrt, Helikopter und Raumfahrt ab und schliesst KI-Systeme an Bord von Flugzeugen, automatisierte technische Dokumentation, schnellere Konstruktions-Zyklen und Edge-AI für Flugsicherheit ein. BMW nutzt Mistral, um Crash-Simulationen zu beschleunigen – trainiert auf BMWs Archiv an Crash-Daten. (Bloomberg)
Emmi AI Akquisition. Im Mai hat Mistral Emmi AI für rund 300 Millionen Euro übernommen. Damit kommen über 30 Forscher:innen, spezialisiert auf physikbasierte KI-Modelle.
Eigenes Rechenzentrum. In Les Ulis (südlich von Paris) baut Mistral eine 10-MW-Anlage, die nur für das Beantworten von KI-Anfragen genutzt wird. Eröffnung Q3 2026. Damit hängt Mistral nicht mehr von US-Hyperscalern ab.
Vibe ist der neue Name von Le Chat. Vibe ist ein einziger Agent für mehrstufige Aufgaben – fasst Inbox und Kalender zusammen, recherchiert, schreibt Texte, orchestriert wiederkehrende Prozesse und führt Coding-Aufgaben vom Auftrag bis zum gemergten Pull Request. Web-App, Editor und Terminal.
Mistral beschäftigt jetzt 1'000 Personen und zielt auf 1 Milliarde Euro Umsatz für 2026. (VentureBeat)
Einordnung: Ich finde Mistral persönlich schon länger sehr stark. In meinen eigenen Tests hat es ChatGPT 4.x mehrfach geschlagen – insbesondere bei präzisen Datenanalysen. Mistral ist eine ernstzunehmende Option aus Europa und passt direkt in den Souveränitäts-Stack, an dem wir arbeiten: Daten bleiben in Europa, das Modell kommt aus Europa, und mit dem neuen Rechenzentrum auch mit einer starken Infrastruktur dahinter. Für Schweizer Industrie- und Engineering-Unternehmen, die ihre Konstruktionsdaten nicht in die USA geben wollen, wird Mistral damit zur ersten Adresse.
3. EU AI Act: 16 Monate mehr Zeit, ein paar harte neue Verbote
Die EU hat das AI-Gesetz am 7. Mai 2026 zum ersten Mal angepasst. Drei Punkte, die du kennen solltest.
Mehr Zeit für die meisten Pflichten. Die strengen Regeln für sogenannte Hochrisiko-KI greifen erst später. Hochrisiko meint konkret: KI im HR-Bereich (Bewerbungs-Screening, Personalentscheide), KI für Kreditentscheide und Versicherungen, KI in Bildung (Prüfungen, Zulassungen), KI in der Strafverfolgung, KI in der Migration. Statt August 2026 gilt: Dezember 2027 – also rund 16 Monate mehr Zeit. Für Medizingeräte, Aufzüge und Funkanlagen läuft die Frist ein Jahr länger, bis August 2028. (Council of the EU)
Harter Stopp bei Deepfakes. Ab 2. Dezember 2026 verboten: KI, die ohne Einwilligung Nacktbilder oder sexuelle Inhalte einer Person erzeugt oder manipuliert. Ebenso verboten: KI, die Kindesmissbrauchsmaterial generiert. Das ist der erste Bereich, in dem der AI Act sehr konkret und sehr schnell wird.
Klarere Regeln in Konsultation. Am 19. Mai hat die EU-Kommission Entwürfe veröffentlicht, die genauer beschreiben, was als Hochrisiko gilt. Bis 23. Juni können Unternehmen und Verbände kommentieren.
Einordnung: Für Schweizer Unternehmen bedeutet das konkret: Wer in der EU verkauft oder mit EU-Kund:innendaten arbeitet, hat bei HR-Tools, Kredit- oder Versicherungs-KI mehr Luft. Wer Bildgeneration anbietet oder einbettet, muss in sechs Monaten Schutzmechanismen drin haben – also Erkennung von echten Personen, Sperrlisten für sensitive Inhalte, klare Einwilligungs-Flows.
4. Schweiz: KI schafft mehr Stellen als sie abbaut – noch
Die EY-Studie vom 28. Mai 2026 befragte 604 Personen aus Schweizer Unternehmen. Zentrale Zahlen:
18 % berichten, ihr Unternehmen habe zusätzliche Stellen im Zusammenhang mit KI geschaffen – etwa in Data Science oder AI Engineering. 11 % sagen, offene Stellen würden wegen KI nicht mehr besetzt. 7 % erleben direkten Stellenabbau durch KI-Automatisierung. 42 % können noch gar keine klare Einschätzung abgeben.
Hauptprobleme bei der Skalierung: Datenqualität und Datensilos (20 %), Sicherheit und Datenschutz (19 %), Fachkräftemangel (18 %). (Netzwoche)
Einordnung: Die Zahlen passen zur UBS-Studie aus KW22: 97 % der Unternehmen haben KI-Initiativen, 5 % eine saubere Datenbasis. Die EY-Daten zeigen jetzt die andere Seite – noch entstehen netto Jobs, aber 42 % wissen nicht, was sie davon halten sollen. Das ist das eigentliche Signal: Die Schweiz ist nicht in einer KI-Jobkrise. Sie ist in einer KI-Orientierungsphase. Die strategische Frage 2026/27 lautet nicht «wann fallen die Jobs», sondern «welche neuen Rollen schafft KI in meinem Unternehmen und wer baut sie auf».
5. Schnellfeuer: Apple, Meta, xAI, OpenAI
Apple WWDC startet am 8. Juni. Berichte verdichten sich: Siri wird neu auf Google Gemini laufen, gehostet auf Apples Private Cloud Compute. Siri ersetzt Spotlight; jede Suche wird zur Gemini-Anfrage. Zusätzlich neuer Kamera-Modus «Siri» (5. Modus nach Foto, Video, Portrait, Panorama). Die Domain genai.apple.com ist registriert. Es ist Apples grösster Siri-Umbau seit 15 Jahren – und das Eingeständnis, dass Apple Intelligence in der bisherigen Form nicht funktioniert hat.
Microsoft Build läuft 2.–3. Juni. Erwartet: Generelle Verfügbarkeit von Azure AI Foundry, neues Framework für autonome Agents quer über Microsoft 365, Azure und Windows, sowie nächste Generation des GitHub Copilot Coding Agents. Windows Local AI bekommt eigenen Track. Wir berichten in KW24 detailliert.
Meta testet ab Juni zwei neue Abos: Meta One Plus (7.99 USD/Monat) und Meta One Premium (19.99 USD/Monat). Premium liefert mehr Rechenleistung, tieferes Reasoning, mehr Bild- und Video-Generation. Start in Singapur, Guatemala, Bolivien. Parallel: WhatsApp bekommt einen «Incognito»-Modus für Meta AI – temporäre Konversationen, die laut Meta auch die eigenen Engineers nicht lesen können.
xAI hatte einen produktiven Mai: Grok 4.3 (1 Million Token Kontext, native Video-Inputs), Imagine Agent Mode, Connectors für SharePoint, Outlook, Drive, Workspace, Notion, GitHub, Linear, der neue Grok Build 0.1 als reines Coding-Modell mit 256k Kontext und Custom Skills.
OpenAI veröffentlichte am 29. Mai ein Playbook für vertrauenswürdige Drittpartei-Evaluierungen sowie ein eigenes Governance-Framework. Am gleichen Tag stellte OpenAI «selbstverbessernde Tax Agents mit Codex» vor. Outlook E-Mail- und Kalender-Apps unterstützen jetzt geteilte Postfächer in ChatGPT. Plus: Gartner platziert OpenAI als Leader bei Enterprise Coding Agents. Das eigene IPO ist laut Sam Altman intern weiterhin nicht zur Einreichung bereit, auch wenn September 2026 angestrebt wird.
Drei Dinge, die du diese Woche beachten solltest
1. Spiel mit Claude 4.8 und vergleich die Modi. Nimm eine eigene typische Aufgabe – ein Briefing, eine Analyse, einen Code-Snippet – und lass sie in low, medium und high laufen. Schau dir die Unterschiede an. Pass beim Max-Modus auf: der verbrennt richtig viele Tokens. Den braucht es nur in absoluten Ausnahmefällen.
2. Probier Mistral 20 Minuten lang aus. Nimm dein Lieblings-Prompt und schick es parallel an ChatGPT (oder was auch immer du nutzt) und an Mistral via chat.mistral.ai. Vergleich die Antworten. Na? Du wirst überrascht sein, wie stark die europäische Option mittlerweile ist – gerade bei Datenanalysen.
3. Denk darüber nach, was effektive KI-Nutzung in deinem Unternehmen bremst. Die EY-Studie sagt: Datensilos sind das Hauptproblem. Sind sie es bei euch auch? Welche Daten liegen in welchen Systemen? Was hindert die Verknüpfung – Technik, Verantwortung, Politik? Mach genau das mit deiner KI: erklär ihr die Lage und brainstorme zehn Minuten lang mögliche erste Schritte. Du brauchst keinen externen Berater für die ersten klaren Gedanken.