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KI-News KW 30/31 – Opus 5 zum halben Preis, Apertus 1.5 als souveräne Schweizer Antwort und ein Datenleck bei geteilten Claude-Chats
Anthropic hat am 24. Juli Claude Opus 5 lanciert – fast Fable-5-Intelligenz zum halben Preis und neuer Standard auf Pro und Max. Aus der Schweiz kommt die souveräne Antwort: Apertus 1.5 wird multimodal und bleibt vollständig offen. Dazu Cowork ab 3. August auf Web und Mobile, Claude handelt neu in Microsoft 365, Flux 3 aus Deutschland – und ein peinliches Datenleck, bei dem geteilte Claude-Chats über Google auffindbar waren.

Doppelausgabe: KW 29 fiel wegen Ferienpause aus. Diese Ausgabe deckt zwei Wochen ab.
1. Claude Opus 5 – Spitzenintelligenz zum halben Preis
Anthropic hat am 24. Juli Claude Opus 5 veröffentlicht. Die Kernbotschaft ist einfach: Opus 5 kommt nahe an die Top-Intelligenz von Fable 5, kostet aber die Hälfte. Und es kostet gleich viel wie sein Vorgänger Opus 4.8 – 5 Dollar pro Million eingegebener Wörter, 25 Dollar pro Million ausgegebener Wörter. Also mehr Leistung zum selben Preis.
Opus 5 ist neu das Standardmodell auf Claude Max und das stärkste Modell auf Claude Pro. Es ist für den täglichen Einsatz gebaut und arbeitet effizienter: Es braucht für dieselbe Aufgabe weniger Rechenschritte und weniger Zeit. Ein Effort-Regler lässt dich zwischen mehr Intelligenz und mehr Tempo wählen – je nachdem, ob die Aufgabe Sorgfalt oder Geschwindigkeit verlangt.
Interessant sind nicht die Ranglisten, sondern was das für Büroarbeit heisst. Anthropic zeigt Zahlen von echten Firmen:
Zapier liess Opus 5 einen kompletten Prozess zur Kundenbindung eigenständig durchlaufen – Risiko-Kund:innen erkennen, die richtige Person alarmieren, alles für die Betreuung zusammenfassen. Vorgängermodelle scheiterten daran, Opus 5 schaffte es vollständig.
Box meldet 8 Prozent bessere Ergebnisse als mit Opus 4.8, bei der Datenanalyse 11 Prozent, bei der Prüfung von Verträgen und Unterlagen 17 Prozent.
In der Finanzmodellierung stieg die Genauigkeit um 9 Prozentpunkte, bei einem Drittel weniger Arbeitsschritten und 60 Prozent weniger Zeit.
Beim Prüfen und Korrigieren von Verträgen war Opus 5 fast doppelt so gut wie 4.8.
Beim Erstellen von Präsentationen (getestet mit dem Tool Gamma) gab es den klarsten Sprung: bessere Formatierung, weniger Fehler auf den Folien.
Dazu zwei Randnotizen. Opus 5 ist laut Anthropic das bisher am besten kontrollierte Modell mit der tiefsten Rate an Fehlverhalten und Täuschung. Und es gibt einen «Fast Mode», rund zweieinhalbmal schneller, dafür zum doppelten Grundpreis.
Einordnung: Der Preisschritt ist die eigentliche Nachricht. Bisher galt: Wer Top-Qualität wollte, zahlte für Fable 5 den Höchstpreis. Opus 5 bringt fast dasselbe Niveau zum halben Preis und wird gleichzeitig zum Standard. Für die meisten Büroaufgaben – recherchieren, schreiben, analysieren, Unterlagen prüfen – reicht es damit vollständig. Fable 5 lohnt sich nur noch für die wenigen wirklich schwierigsten Fälle.
Welches Modell für was? Anthropic hat inzwischen fünf Stufen. Als Orientierung:
Mythos 5: Die absolute Spitze, unter anderem für Cybersecurity und Biologie. Spezialaufgaben, selten im Alltag.
Fable 5: Stärkstes Allround-Modell, aber teuer und langsam. Nur für die härtesten, komplexesten Aufgaben.
Opus 5: Neu der Alltags-Standard. Fast Fable-Niveau, halber Preis. Standard auf Pro und Max, tägliche Wissensarbeit.
Sonnet 5: Schnell und günstig, sehr solide für die meisten Aufgaben. Wenn du oft ans Nutzungslimit stösst.
Haiku: Das schnellste und günstigste Modell. Einfache, schnelle Routineaufgaben.
Faustregel: Auf Pro und Max Opus 5 als Standard nehmen, für Einfaches auf Sonnet oder Haiku heruntergehen, Fable 5 nur für die Ausnahmefälle.
2. Claude wird mobil – und spricht mit dir
Zwei Neuerungen machen Claude im Alltag greifbarer.
Cowork läuft ab 3. August auf Web und Mobile. Cowork ist Anthropics Arbeitsmodus, in dem Claude selbständig Aufgaben abarbeitet – recherchieren, Dokumente erstellen, Dateien organisieren. Bisher lief das nur in der Desktop-App. Ab dem 3. August läuft es auch im Browser und auf dem Handy, weil die Sitzungen in Anthropics Cloud laufen. Du kannst geräteübergreifend in derselben Sitzung weiterarbeiten, und geplante Aufgaben laufen im Hintergrund weiter – auch wenn kein Gerät online ist. Es braucht kein Zutun der Administration, die Funktion schaltet sich am 3. August automatisch frei. Bis zum 5. August gelten doppelte Nutzungslimits.
Eine Zahl aus dem Ankündigungsblog ist bemerkenswert: Über 90 Prozent der Cowork-Nutzung ist keine Softwareentwicklung. Die grössten Bereiche sind Geschäftsabläufe und Content-Erstellung – zusammen rund die Hälfte. Das räumt mit der Vorstellung auf, solche Werkzeuge seien nur für Programmierer:innen.
Der Sprachmodus wird erwachsen. Claudes Sprachmodus lief bisher nur auf dem kleinsten Modell Haiku. Neu läuft er auf Opus und Sonnet, und du kannst mitten im Gespräch das Modell wechseln. Verfügbar in der Mobile-App, der Desktop-App und im Web-Chat, in elf Sprachen inklusive Deutsch. Wichtig für die Praxis: Im Sprachmodus greift Claude auf verbundene Werkzeuge zu – Gmail, Google Kalender, Slack – und führt Aktionen aus. Du kannst also per Sprache eine E-Mail diktieren, und Claude legt sie als Entwurf ab.
Einordnung: Anthropic ist beim reinen Sprachgefühl nicht führend. Der Modus ist rundenbasiert – Claude wartet, bis du fertig bist – und klingt weniger natürlich als OpenAIs oder Googles Live-Modi. Der Unterschied liegt woanders: Nur bei Claude mündet das Gespräch direkt in eine erledigte Aufgabe, etwa eine fertige Mail im Postfach. Sprechen als Bedienung, nicht als Plauderei.
3. Claude kann jetzt in Microsoft 365 handeln
Der Microsoft-365-Anschluss von Claude konnte bisher nur lesen und suchen. Neu führt er auch Aktionen im Firmenkonto aus.
Outlook: Mails senden, Entwürfe, Labels, Filter und Abwesenheitsnotizen verwalten, Kalendereinträge erstellen, ändern und löschen.
SharePoint: Dateien anlegen und aktualisieren.
Lesen und Suchen bleiben wie bisher.
Wichtig für die Einrichtung: Firmenkonten, in denen der Anschluss vor dem 7. Juni installiert wurde, haben die Schreibrechte standardmässig aus – sie müssen erst freigeschaltet werden. Neuere Installationen haben sie an. Zusätzlich muss die Microsoft-Administration die neuen Berechtigungen einmalig freigeben.
Einordnung: «Schreiben in Microsoft 365» heisst hier: Claude führt Aktionen im Konto aus. Es heisst nicht, dass Claude Word-, Excel- oder PowerPoint-Dateien verfasst – das ist etwas anderes. Der praktische Nutzen liegt im Wegfall der Zwischenschritte: Claude sichtet den Posteingang und beantwortet gleich, statt dir nur einen Entwurf zum Kopieren zu liefern.
4. Souveränität aus Europa: Apertus 1.5 und Flux 3
Zwei europäische Modelle zeigen, dass die Abhängigkeit von US-Anbietern kein Naturgesetz ist.
Apertus 1.5 – das Schweizer Modell wird multimodal. ETH Zürich, EPFL und das Nationale Hochleistungsrechenzentrum CSCS haben am 24. Juli Apertus 1.5 veröffentlicht, die neue Version des vollständig offenen Schweizer Sprachmodells. Das Modell versteht neu auch Bilder – es kann Dokumente, Diagramme oder sogar eine technische Zeichnung lesen und beschreiben (Ton ist noch experimentell). Dazu kommen ein optionaler Denkmodus, in dem das Modell vor der Antwort nachdenkt, ein rund viermal längerer Kontext (es verarbeitet also deutlich längere Texte am Stück) sowie besseres Befolgen von Anweisungen und bessere Werkzeug-Nutzung. Trainiert wurde es auf dem Supercomputer «Alps» am CSCS in Lugano. «Vollständig offen» heisst hier mehr als bei anderen: Nicht nur die Modellgewichte, sondern auch die Trainingsdaten, der Programmcode und die zugrunde liegenden Werte sind einsehbar. Das ist der Kern des Souveränitäts-Arguments – man kann prüfen, womit das Modell trainiert wurde, und es selbst betreiben. Die Modelle stehen auf Hugging Face bereit; ein technischer Bericht mit Benchmarks folgt in den nächsten Wochen.
Flux 3 aus Deutschland. Black Forest Labs, ein deutsches Unternehmen, hat am 23. Juli Flux 3 vorgestellt. Das Modell lernt gleichzeitig aus Bild, Video und Audio und erzeugt erstmals Video mit direkt eingebautem Ton (bis 20 Sekunden). Es kann Text und Bilder in Video verwandeln, Übergänge zwischen Schlüsselbildern gestalten und mehrere Clips zu einer längeren Szene verketten. Ein Ableger für die Robotik wird bei Audi getestet.
Vorsicht bei den Zahlen: Black Forest Labs zeigt eigene Vergleiche, in denen Flux 3 gegen Konkurrenten wie Luma, Runway oder Kling bevorzugt wird – bis zu 93 Prozent. Diese Tests stammen vom Anbieter selbst und wurden nicht unabhängig geprüft. Also mit Vorbehalt lesen.
Einordnung: Für Schweizer Organisationen ist Apertus die relevantere Nachricht. An die Spitzenleistung von Opus 5 oder Fable 5 kommt es nicht heran. Aber es spielt in der Liga der offenen Modelle mit und kann Googles Gemma 4 durchaus das Wasser reichen. Für einen Grossteil der täglichen Büroarbeit – schreiben, zusammenfassen, strukturieren, einfache Recherche – reicht es allemal; grob geschätzt für 60 bis 70 Prozent der Fälle. Und es ist die richtige Wahl, wenn Datenhoheit, Nachvollziehbarkeit und Unabhängigkeit von US-Konzernen zählen. Genau darum geht es bei digitaler Souveränität.
5. Sicherheitsvorfall: Geteilte Claude-Chats landeten bei Google
Über das Wochenende wurde ein peinlicher Fehler bei Anthropic öffentlich. Wer bei Claude ein Gespräch über die «Teilen»-Funktion als Link weitergibt, dessen Chat war zeitweise über Google, Bing und Yandex auffindbar. Ein Reddit-Nutzer zeigte am 25. Juli, dass eine simple Suchabfrage seitenweise fremde Chats auflistete.
Betroffen waren nur geteilte Chats, keine privaten. Doch die Inhalte waren brisant: Anwaltsnotizen, medizinische Beratungen, interne Finanzmodelle, Quellcode mit Zugangsdaten, Lebensläufe und im schlimmsten Fall Krypto-Schlüssel. Ein GitHub-Archiv sammelte 453 Claude-Gespräche und 519 Grok-Chats mit über 11'000 Nachrichten im Klartext – Grok hatte denselben Fehler.
Die Ursache ist ein klassischer Konfigurationsfehler. Anthropic hatte Suchmaschinen per robots.txt zwar vom Durchsuchen der Seiten abgehalten. Das verhindert aber nicht, dass eine Adresse im Suchindex landet, sobald sie anderswo verlinkt wird. Dafür braucht es ein zusätzliches «noindex»-Signal – und genau das fehlte. Anthropic rüstete es am Montag nach, Google entfernte die Treffer ab dem 26. Juli. Team- und Enterprise-Konten waren nicht betroffen.
Einordnung: Der Fehler liegt klar bei Anthropic. Die Lehre für Firmen ist aber grundsätzlicher: Ein geteilter KI-Chat-Link ist faktisch öffentlich – behandle ihn so. Prüfe deine geteilten Chats (in den Privatsphäre-Einstellungen unter «Geteilte Chats») und leg intern fest, was überhaupt in einen KI-Chat gehört: keine Passwörter, keine Geschäftsgeheimnisse, keine Zugangsdaten.
6. Kurz und wichtig
Die anderen grossen Labs waren nicht untätig. OpenAI stellte Anfang Juli die GPT-5.6-Familie (Sol, Terra, Luna) auf allgemeine Verfügbarkeit und machte sie zum neuen ChatGPT-Standard; dazu läuft neu ein Sprachmodell namens GPT-Live-1 als Standard-Stimme mit Echtzeit-Übersetzung. Google brachte am 21. Juli Gemini 3.6 Flash und senkte den Preis. Meta veröffentlichte mit Muse Spark 1.1 sein erstes kostenpflichtiges Modell, einen agentischen Programmier-Assistenten. xAI schaltete Grok 4.5 als günstiges Coding-Modell öffentlich frei.
Google stimmt auf Gemini 4 ein. Am Quartalsbericht vom 22. Juli bestätigte Konzernchef Sundar Pichai, dass Google bereits Gemini 4 trainiert – der bisher ehrgeizigste Trainingslauf mit einem deutlich grösseren Basismodell. Bemerkenswert offen: Pichai räumte ein, dass Google beim agentischen Programmieren aufholen muss. Der Launch dürfte laut 9to5Google erst im November oder Dezember kommen; bis dahin liefert Google im Monatstakt kleinere Flash-Modelle nach. Zur Einordnung: Google verspricht viel für später, während Anthropic und OpenAI heute liefern. Und Gemini 3.5 Pro hat seinen Juni-Termin bereits verpasst.
Mistral geht in die Robotik. Das französische Unternehmen Mistral zeigte ein kompaktes Modell, das Roboter über gesprochene Anweisungen und eine einzelne Kamera durch Aufgaben führt – der erste Schritt von Mistral in die verkörperte KI.
OpenAI zielt auf kleine Firmen. OpenAI startete ein Programm für kleine Unternehmen mit Schulungs-Webinaren und Vor-Ort-Akademien, dazu «ChatGPT Work» auf Basis von GPT-5.6. Anthropic geht mit Cowork und Claude in Slack denselben Weg – die Aufholjagd um die tägliche Büroarbeit läuft auf beiden Seiten.
Drei Dinge, die du in diesen zwei Wochen beachten solltest
1. Stell deinen Standard auf Opus 5 um. Auf Pro und Max bekommst du fast Fable-5-Qualität zum halben Preis – und Opus 5 ist ohnehin der neue Default. Fable 5 hebst du dir für die wenigen härtesten Aufgaben auf.
2. Bereite dich auf Cowork mobil vor. Ab 3. August läuft Claudes Arbeitsmodus auch im Browser und auf dem Handy, mit doppelten Limits bis 5. August. Ein guter Moment, um geplante Aufgaben im Hintergrund zu testen.
3. Setz Apertus auf die Liste. Nicht als Ersatz für die grossen Modelle, sondern als offene Schweizer Option, wenn Datenhoheit und Nachvollziehbarkeit zählen – etwa in regulierten Branchen.