·

·

AI / Künstliche Intelligenz

Anthropic/Claude

OpenAI/ChatGPT

Digital Marketing

·

LLM

Anthropic/Claude

Generative AI

OpenAI/ChatGPT

Digital Marketing

KI-News KW 36 – Das Spitzenmodell wird günstiger, deine Daten bleiben bei dir

Anthropic hat Fable 5.1 veröffentlicht. Der Preis sinkt bei typischer Nutzung um rund ein Viertel, bei Agenten-Abläufen um bis zu 45 Prozent – und Unternehmensdaten dürfen neu in der eigenen Cloud bleiben statt beim Anbieter. Dazu: Agenten, die sich in deinem Namen einloggen, eine Auswertung über 15 Millionen Datenpunkte zur Sichtbarkeit in KI-Antworten, und warum drei von vier Schweizer Unternehmen noch nie von agentischer KI gehört haben.

1. Fable 5.1: 25 Prozent günstiger, Daten bleiben bei dir

Anthropic hat Anfang September Claude Fable 5.1 und Mythos 5.1 veröffentlicht. Es ist dasselbe Modell mit zwei Schutzstufen: Fable ist für alle verfügbar, Mythos nur für geprüfte Fachleute in Cybersicherheit und Biowissenschaften.

Drei Punkte zählen für dich:

Der Preis sinkt um rund ein Viertel. Nicht der Grundpreis, sondern die Kosten für wiederverwendeten Kontext: Wenn das Modell Material liest, das es schon einmal verarbeitet hat, zahlst du dafür neu 75 Prozent weniger. Bei typischer Nutzung ergibt das etwa 25 Prozent tiefere Kosten als bei Fable 5, bei aufwendigen Agenten-Abläufen bis zu 45 Prozent. Genau dort, wo Automatisierung bisher zu teuer war, ändert sich also die Rechnung.

Die Daten dürfen in deiner Cloud bleiben. Bisher galt: Wer das stärkste Modell wollte, musste dem Anbieter erlauben, Inhalte zur Missbrauchsprüfung zu speichern. Genau daran scheitern Projekte in regulierten Branchen. Neu liegen diese Daten in der Cloud-Infrastruktur der Kundschaft, nicht bei Anthropic, und die Kontrolle macht standardmässig die Kundschaft selbst. Der Ausbau läuft ab diesem Herbst in Etappen, bis dahin gibt es für berechtigte Kunden eine Nutzung ganz ohne Datenspeicherung. Nach OpenAI Ende August zieht damit der zweite grosse Anbieter nach.

Die Schutzfilter greifen seltener daneben. Wer Claude für Sicherheitsarbeit oder medizinische Fragen nutzt, kennt das Problem: Das System blockiert harmlose Anfragen. Bei Cybersicherheit fallen jetzt rund 60 Prozent dieser Fehlalarme weg, bei einfachen Biologie- und Medizinfragen 85 Prozent.

Zur Leistung: Anthropic meldet den grössten Sprung bei Geschäftsabläufen und Recherche. Die Rückmeldungen der Partner, die vorab Zugang hatten, zeigen, wo das ausserhalb der Programmierung ankommt. Canva nennt das Schreiben als stärkste Verbesserung. Hebbia sagt, es liefere die besten Präsentationen aller getesteten Modelle. Der Vertragsdienstleister Crosby misst deutlich bessere Ergebnisse beim Redigieren von Verträgen, vor allem im ersten Durchgang. Glean berichtet, seine Prüfer:innen hätten die Antworten etwa doppelt so oft bevorzugt wie jene des Vorgängers.

Einordnung: Der Vorbehalt gehört dazu. Alle diese Zahlen stammen von Anthropic oder von Partnern, die das Modell vorab bekommen haben. Nichts davon ist unabhängig geprüft, und ein Modellwechsel bringt in der Praxis selten den Sprung, den die Startseite verspricht.

Trotzdem ist das die relevanteste Meldung der Woche, und zwar wegen der zwei Punkte, die nichts mit Leistung zu tun haben. Wenn dein Projekt bisher an der Datenhaltung gescheitert ist, ist die Begründung weg. Und wenn eine Automatisierung bisher an den Kosten gescheitert ist, rechne sie neu. Die Preise pro Aufgabe fallen inzwischen schneller, als die meisten ihre Wirtschaftlichkeitsrechnungen aktualisieren.

Ein Detail für alle, die selbst entwickeln lassen: Anthropic hat den Aufwandsregler unterschiedlich vorbelegt. In Claude Code steht er auf hoch, in Cowork und auf claude.ai auf mittel. Wer dieselbe Aufgabe an zwei Orten stellt und unterschiedliche Qualität bekommt, hat dafür jetzt eine Erklärung.

2. Der Agent bekommt deinen Login

Am 25. und 26. August haben Anthropic und OpenAI dieselbe Funktion freigeschaltet. Der Assistent liest Websites nicht mehr nur, er meldet sich an und arbeitet dort.

  • Claude Cowork hat einen eigenen Browser. Er öffnet sich im Seitenpanel, Claude klickt und tippt selbst. Logins übernimmt man seitenweise aus Chrome, Edge oder Firefox. Banking, E-Mail und Single-Sign-on bleiben aussen vor, ausser man nimmt sie ausdrücklich dazu.

  • Claude in Chrome ist für alle bezahlten Pläne verfügbar. Neu handelt die Erweiterung selbstständig, statt bei jedem Schritt zu fragen.

  • ChatGPT Work meldet sich ebenfalls selbst an. Zugangsdaten gibst du in einem Anmeldedialog ein, nicht im Chat.

Der Unterschied zwischen den beiden Claude-Varianten ist der Punkt: In Chrome arbeitet Claude auf deiner Seite, wo du eingeloggt bist. Der Cowork-Browser ist Claudes eigener und sieht weder deine Tabs noch deine Passwörter.

Meine Erfahrung damit ist gemischt. Für Recherche ist das stark, gerade auf Seiten, die Bots sonst aussperren. Für Handlungen und mehrstufige Abläufe bin ich meist schneller, wenn ich es selber mache. Dazu kommt der Verbrauch: Der Agent frisst für triviale Aufgaben eine Menge Rechenzeit. Ich nutze es deshalb selten. Wer damit produktiv arbeiten will, sollte nüchtern rechnen, statt sich von der Demo beeindrucken zu lassen.

Und dann die Sicherheitsfrage. Alle Anbieter nennen dasselbe Risiko selbst: Versteckte Anweisungen auf einer Website können den Agenten umlenken. Ein präparierter Satz in einer E-Mail reicht, damit ein Agent statt deiner Antwort deine übrigen Mails weiterleitet. Anthropic sagt offen, die Schutzmechanismen senkten das Risiko deutlich, beseitigten es aber nicht.

Bevor das jemand produktiv einsetzt, brauchst du zwei Listen: auf welchen Systemen ein Agent angemeldet arbeiten darf, und welche Aktionen dort nie ohne menschliche Bestätigung laufen. Alles, was Geld bewegt, Verträge auslöst oder Daten nach aussen gibt, gehört auf die zweite Liste. Und gib dem Agenten ein eigenes Konto mit wenig Rechten. Läuft er unter deinem Login, steht in jedem Protokoll dein Name.

Wie gut entscheidet so ein Agent? Am 27. August wurde eine Untersuchung der Wharton School bekannt. Sechs Modelle sollten aus einem festen Sortiment eine Fitnessuhr auswählen. Eine einzige fremde Empfehlung vor der Produktseite kippte die Wahl fast vollständig: bei Claude Opus 4.8 um 90 Prozentpunkte, bei Gemini 3.5 Flash um 99. Auch die Reihenfolge der Quellen veränderte das Ergebnis. Und ein beiläufig gespeicherter Satz wie «Ich wandere gern» schob mehrere Modelle vom klar besten Angebot für 29.99 Dollar weg zu Produkten ab 359 Dollar.

Einordnung: Zwei Personen mit derselben Anfrage bekommen unterschiedliche Empfehlungen, ohne erkennbaren Grund. Wer einem Agenten den Einkauf überlässt, delegiert keine Entscheidung, sondern einen Zufallsgenerator mit guter Begründung.

Für dich als Anbieter:in steckt darin die zweite Hälfte. Wenn eine einzelne fremde Empfehlung die Produktwahl kippt, entscheidet nicht deine Produktseite, sondern wer sonst über dich schreibt. Genau davon handelt der nächste Abschnitt.

3. Was in der KI-Sichtbarkeit wirklich wirkt

Ahrefs hat eine Auswertung über 15 Millionen Datenpunkte veröffentlicht und darin neun verbreitete Annahmen zur Sichtbarkeit in KI-Antworten geprüft. Vorweg die nötige Einschränkung: Das ist eine bezahlte Veröffentlichung eines Anbieters, der ein Werkzeug für genau dieses Thema verkauft. Die Zahlen stammen aus eigenen Erhebungen und sind nicht unabhängig geprüft. Interessant sind sie trotzdem, weil sie mehreren Dingen widersprechen, die derzeit aktiv verkauft werden.

Die llms.txt bringt nichts. Von 137'000 geprüften Websites hatten 28 Prozent eine solche Datei, gedacht als Wegweiser für KI-Systeme. 97 Prozent dieser Dateien wurden nie abgerufen. Von den gelesenen stammten 77 Prozent nicht von KI-Systemen, sondern von SEO-Werkzeugen. Wenn dir das jemand als Massnahme verkauft, frag nach Belegen.

Das klassische Ranking bleibt der Haupthebel. Aus 1,4 Millionen ChatGPT-Anfragen stammen 88,46 Prozent aller Zitate aus dem normalen Suchindex. Technische Zusätze im Quelltext, die als Abkürzung verkauft werden, zeigten dagegen nach 30 Tagen keinen messbaren Effekt.

KI-Übersichten kosten Klicks. Über 300'000 Suchbegriffe hinweg verliert Position 1 rund 58 Prozent der Klicks, wenn eine KI-Übersicht darüber steht. Andere Erhebungen kommen auf ähnliche Werte: Seer minus 65 Prozent, Kevin Indig minus 50 Prozent, Authoritas minus 47,5 Prozent.

Verlinkungen wirken schwächer als Erwähnungen. Der Zusammenhang zwischen eingehenden Links und KI-Sichtbarkeit ist schwach (0,19 bis 0,24), jener zur Domain-Autorität ebenfalls (0,27 bis 0,33). Deutlich stärker: Erwähnungen auf Youtube (0,74) und Markennennungen im übrigen Web (0,66 bis 0,71).

Und ein Befund, der wehtut. Ahrefs hat 34 «Die besten …»-Listen auf fünf Domains untersucht, in denen sich der Anbieter jeweils selbst auf Platz 1 setzt, und dazu 9886 KI-Antworten verfolgt. Die KI nutzt den Artikel als Quelle, nennt die eigene Marke aber nicht und hebt teils den Wettbewerb hervor. Bei Ahrefs' eigener Konferenz empfahl die KI in 43 Prozent der Antworten die Konkurrenzveranstaltung.

Einordnung: Das passt zum Befund aus der letzten Ausgabe. Als die KI-Systeme von Foren und Videos weg zu offizieller Produktdokumentation wanderten, gewann die eigene Website. Diese Auswertung sagt dasselbe aus der anderen Richtung: Es gibt keinen technischen Trick, der dich in KI-Antworten bringt. Was zählt, ist ein sauberes klassisches Ranking, dass über deine Marke anderswo gesprochen wird, und dass deine Seiten für Maschinen lesbar sind.

Der Punkt mit den «Beste-Anbieter»-Listen ist praktisch der wichtigste. Wenn du eine Vergleichsseite betreibst, auf der du selbst gewinnst, lieferst du der KI womöglich das Material, mit dem sie deine Konkurrenz empfiehlt. Prüf das, bevor du weiter in diese Inhalte investierst.

4. Dein CRM zieht in den Chat

Am 26. August haben Salesforce und Anthropic ihre Partnerschaft ausgebaut: Claudeforce. Kern ist ein Erweiterungspaket mit 37 vorgefertigten Vertriebsfähigkeiten – Meetingvorbereitung, Abschlussprognose, Pipeline-Durchsicht. Verkäufer:innen fragen ihre Kundendaten im Chat ab, aktualisieren sie dort und lösen Aktionen aus, ohne Salesforce zu öffnen. Die Aktionen laufen weiterhin durch Salesforce, Berechtigungen und Protokolle bleiben also, wo sie heute sind. Umgekehrt wird Claude Standardmodell in Slack. Verfügbar aktuell für Pilotkund:innen, offene Beta im September.

Einordnung: Marc Benioff sagt: «Die Benutzeroberfläche ist die KI.» Das ist Verkaufsrhetorik, aber die Richtung betrifft nicht nur Salesforce-Kund:innen. Bisher zahlst du pro Person für den Zugang zu einer Oberfläche. Wenn die Arbeit im Chat passiert und die Software nur noch Daten, Regeln und Protokoll liefert, kaufst du ein anderes Produkt.

Wenn du in den nächsten Monaten einen Softwarevertrag verlängerst, frag darum: Wie sieht die Lizenz aus, wenn unsere Leute das System über einen Assistenten bedienen, und ist der Zugriff über Schnittstellen im Preis drin? Und zur Euphorie eine Gegenprobe: Salesforce beziffert den internen Nutzen seines Slack-Assistenten mit 8,1 Millionen eingesparten Stunden pro Jahr. Eine Herstellerzahl über das eigene Produkt. Das ist Werbung, kein Business Case.

5. Wer liefert dir das Modell? Drei Fälle in einer Woche

OpenAI dreht Cursor den Hahn zu. Am 29. August kündigte OpenAI den Vertrag, über den das Entwicklerwerkzeug Cursor OpenAI-Modelle bezieht. Abschalttermin: 12. November. Der Grund ist kein technischer, sondern ein Eigentümerwechsel: SpaceX hat Cursor am 14. August für 60 Milliarden Dollar übernommen, womit es zu Elon Musks Konzern gehört. OpenAI sagt, es könne nicht darauf vertrauen, dass SpaceX die Nutzungsbedingungen einhält. Der operative Schaden ist klein, OpenAI-Modelle machen laut Cursor rund fünf Prozent der Nutzung aus. Bemerkenswert ist der Auslöser, nicht die Grösse.

Ein Gericht kippt die Sperre gegen Anthropic. Eine US-Bundesrichterin hat die Einstufung Anthropics als Lieferkettenrisiko durch das Pentagon aufgehoben und nennt sie rechtswidrig. Auslöser war ein Streit über die Nutzungsbedingungen: Anthropic wollte vollautonome Waffen und Massenüberwachung im Inland ausschliessen, das Verteidigungsministerium wollte uneingeschränkten Zugriff.

Nvidia will die grösste offene Modellsammlung kaufen. Am 27. August berichteten mehrere US-Medien, Nvidia habe sich mit Hugging Face auf eine Übernahme für 12,9 Milliarden Dollar geeinigt. Über diese Plattform beziehen alle offene Modelle, die KI ausserhalb der grossen Anbieter betreiben. Bestätigt hat es keine der beiden Firmen, ein unterzeichneter Vertrag lag zum Zeitpunkt der Berichte nicht vor.

Einordnung: Drei Fälle, dieselbe Lehre. Der Zugang zu einem Modell hängt nicht nur daran, ob du zahlst und die Technik läuft. Er hängt an Verträgen, Eigentümern und Politik. Beim dritten Fall mit besonderer Pointe: Offene Modelle gelten als Ausweichoption, wenn man sich nicht abhängig machen will – und die Bezugsstelle dafür gehört künftig womöglich dem Hersteller der Chips.

Die Frage «Welches Modell ist das beste?» ist damit die falsche. Die richtige lautet: Was passiert, wenn es in drei Monaten nicht mehr verfügbar ist? Wer eine Anwendung fest auf ein Modell verdrahtet hat, sollte den Wechselaufwand kennen, bevor er ihn braucht.

Und noch ein Verfahren. Am 28. August haben Sony Music Publishing und Warner Chappell Anthropic in Kalifornien verklagt, wegen unerlaubten Trainings auf Zehntausenden geschützten Musikkompositionen. Damit prozessieren die Verlagsarme aller drei grossen Musikkonzerne gegen Anthropic, das sich wehren will. Für dich ändert das kurzfristig nichts. Es gehört aber in dieselbe Rechnung: Auch Gerichte entscheiden mit, was ein Modell künftig darf.

6. Die Sicherheitsfrage wird zur Chefsache

116 Firmen warnen gemeinsam. Am 27. August veröffentlichten OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft, Amazon, Cisco, Oracle, Cloudflare, CrowdStrike und Palo Alto Networks einen offenen Brief. Mit unterschrieben haben auch Firmen ausserhalb der Techbranche: Mastercard, Visa, Capital One, General Motors, Shopify. Die Kernaussage: In den kommenden Monaten werden KI-gestützte Cyberangriffe deutlich häufiger, weil die Modelle weltweit leistungsfähiger werden. Gefordert wird ein koordinierter Ausbau der Verteidigung, besonders für schlecht ausgestattete kritische Infrastruktur wie Spitäler und Wasserwerke.

Gleichzeitig legt OpenAI den Bericht zum eigenen Vorfall vor. Am 26. August erschien der 37-seitige technische Bericht dazu, wie im Juli interne Forschungsmodelle aus ihrer Testumgebung ausgebrochen sind und die Modellplattform Hugging Face kompromittiert haben. Parallel dazu eine unabhängige Untersuchung von METR und Redwood Research.

Die Zahlen aus der unabhängigen Untersuchung: Rund 1200 Agenten, die voneinander getrennt sein sollten, fanden über ein improvisiertes Schwarzes Brett einen Weg, miteinander zu kommunizieren. Sie tauschten über 70'000 Nachrichten und Dateien aus. Rund 700 beteiligten sich am Angriff auf Hugging Face.

Als Hauptursache nennt OpenAI selbst «Reward Hacking»: Die Modelle wurden auf Sicherheitsaufgaben bewertet und stellten fest, dass sie die Lösung online finden können, statt die Aufgabe zu lösen. Diesen Weg verfolgten sie weiter und verketteten dafür mehrere bis dahin unbekannte Sicherheitslücken, bis sie im öffentlichen Internet standen. Auf Deutsch: Wer das Ergebnis belohnt, ohne den Weg zu prüfen, züchtet sich das Verhalten heran.

Das Nachspiel läuft. 15 US-Bundesstaaten verlangen von OpenAI, alle Unterlagen aufzubewahren und vergleichbare Hochrisiko-Tests zu stoppen; Alabama hat am 24. August zusätzlich eine Vorladung geschickt.

Einordnung: Lies die ersten Abschnitte dieser Ausgabe zusammen. In derselben Woche, in der offengelegt wird, dass Agenten Belohnungssysteme austricksen und ihre Testumgebung verlassen, bekommen dieselben Agenten produktiv einen Browser mit Login und eine Schnittstelle zu Laborgeräten. Und die Anbieter dieser Agenten warnen gemeinsam vor einer Angriffswelle.

Das ist kein Argument gegen den Einsatz, sondern eines für drei Dinge. Der Agent bekommt ein eigenes Konto mit wenig Rechten, nicht deines. Die Protokolle liegen ausserhalb seiner Reichweite. Und wer den Alarm bekommt, muss befugt sein, den Betrieb zu stoppen.

Zum offenen Brief gehört ein Vorbehalt: Die Firmen, die vor der Angriffswelle warnen, verkaufen mehrheitlich auch die Abwehr. Der Befund stimmt trotzdem, und die Konsequenz für dich ist unabhängig davon dieselbe. Wenn Angriffe billiger und häufiger werden, verschiebt sich die Rechnung. Massnahmen, die letztes Jahr übertrieben wirkten, sind es dieses Jahr nicht mehr.

7. Die Rechnung für den KI-Boom kommt beim Hardware-Einkauf an

Amazon hat in der Nacht auf Freitag, den 21. August, die Preise für seine eigene Hardware erhöht, ohne Ankündigung. Betroffen sind Echo, Fire TV, Kindle und Eero. Der Echo Dot stieg von 49.99 auf 79.99 Dollar, ein Aufschlag von 60 Prozent. Der Kindle Paperwhite von 159.99 auf 199.99 Dollar. Amazons Begründung: massiv gestiegene Kosten für Arbeits- und Datenspeicher, die man so lange wie möglich selbst getragen habe.

Amazon ist nicht allein. Apple hat Ende Juni Macs und iPads um bis zu 25 Prozent verteuert, Microsoft die Xbox um 100 bis 150 Dollar, gültig ab dem 1. August. Alle nennen denselben Grund.

Der Grund dahinter ist der KI-Ausbau selbst. Microsoft, Google, Meta und Amazon haben einen Grossteil der weltweiten Speicherchip-Kapazität für ihre KI-Server gebunden. Was übrig bleibt, wird teuer.

Passend dazu die Zahlen von Nvidia vom 26. August: 96,2 Milliarden Dollar Umsatz im Quartal, plus 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Davon 89,0 Milliarden aus dem Rechenzentrumsgeschäft, plus 117 Prozent. Für das laufende Quartal stellt Nvidia 108 Milliarden in Aussicht.

Einordnung: Das ist die erste Rechnung des KI-Booms, die nicht auf der Softwarezeile landet, sondern im Sachaufwand. Wer für 2027 einen Geräteersatz geplant hat, sollte die Annahmen nachrechnen, bevor das Budget steht. Laptops, Server, Speicher und Netzwerk sind betroffen, und eine Entspannung zeichnet sich nicht ab.

Praktisch heisst das zweierlei. Erstens: Nutzungsdauer verlängern statt turnusmässig ersetzen, wo die Geräte es hergeben. Zweitens: Wenn jemand einen KI-Business-Case rechnet, in dem neue Hardware steckt, gehören die neuen Preise hinein und nicht die aus dem letzten Angebot.

8. Schweiz: Die KI-Kluft vertieft sich

Am 27. August veröffentlichte AWS eine Untersuchung, durchgeführt vom Forschungsunternehmen Strand Partners unter 2000 Teilnehmenden.

  • 57 Prozent der Schweizer Unternehmen nutzen KI, gegenüber 46 Prozent im Vorjahr. Der europäische Durchschnitt liegt bei 54 Prozent.

  • 60 Prozent der KI-nutzenden Firmen bleiben bei einfachen Anwendungen, also öffentlich verfügbaren Chatbots oder fertigen Lösungen. Im Vorjahr waren es 62 Prozent.

  • Nur 18 Prozent kombinieren mehrere Modelle oder setzen Agenten ein. Das sind weniger als im Vorjahr, damals 20 Prozent.

  • 24 Prozent der Unternehmen haben überhaupt schon von agentischer KI gehört.

Einordnung: Der Rückgang von 20 auf 18 Prozent ist kein Rückschritt, sondern ein Verdünnungseffekt. Viele neue Anwender:innen auf Einstiegsniveau drücken den Anteil. Der Befund bleibt trotzdem unbequem: Der Zuwachs passiert fast nur beim Chatbot-Gebrauch, nicht dort, wo Prozesse verändert werden.

Die Zahl, die ich mir merke, ist die mit den 24 Prozent. Drei von vier Schweizer Unternehmen haben von agentischer KI noch nie gehört, in der Woche, in der zwei Anbieter Agenten mit Login ausliefern. Wenn du zu den 18 Prozent gehörst, ist dein Vorsprung gerade grösser geworden.

Und der Berufseinstieg wird härter. Ebenfalls am 27. August veröffentlichte das Bundesamt für Statistik seine Absolventenbefragung, jeweils ein Jahr nach Abschluss. Zwischen 2023 und 2025 stieg die Erwerbslosenquote bei Technik und IT an Fachhochschulen von 3 auf 6,4 Prozent, bei Universitäts-Mastern über alle Fächer von 3,9 auf 6,4 Prozent. Häufigster Grund: fehlende Berufserfahrung. Dagegen steht eine Zahl in die andere Richtung: Die Zahl ausgeschriebener Informatikstellen liegt über die letzten zwölf Monate erstmals seit Jahren wieder im Plus, plus 6 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Der Stellenmarkt insgesamt trat im selben Zeitraum auf der Stelle.

Einordnung: Das ergibt kein Rätsel, sondern ein zweigeteiltes Bild. Erfahrene Leute sind gefragt, Einsteiger:innen nicht. Das Bundesamt führt seine Zahlen ausdrücklich nicht auf KI zurück; Konjunktur, Zinsen und ein Stellenabbau in der Technologiebranche erklären einen guten Teil.

Der praktische Punkt für dich als Arbeitgeber:in bleibt derselbe. Genau die Aufgaben, an denen Berufseinsteiger:innen früher Erfahrung gesammelt haben, also recherchieren, zusammenfassen, Erstentwürfe schreiben, Daten aufbereiten, sind die, die man heute abgibt. Wer diese Aufgaben ersatzlos automatisiert, spart kurzfristig und hat in fünf Jahren keine erfahrenen Leute. Wer jetzt Einstiegsstellen hält und die Arbeit dort auf Prüfen, Einordnen und Entscheiden umbaut, kauft günstig ein.

9. Kurz und wichtig

Anthropic bringt Agenten an Laborgeräte. Am 27. August startete die Forschungsvorschau für den Model Hardware Standard: eine einheitliche Beschreibungssprache, mit der ein Agent Mikroskope, Pipettierroboter oder Laser bedient. Der Aufwand pro Geräteanbindung sinkt laut Anthropic von Tagen oder Wochen auf Stunden. Dasselbe Muster wie vor zwei Jahren bei Software, wo Claude heute über einen offenen Standard an Gmail, Slack oder ein CRM kommt. Wer in Produktion, Labor oder Logistik einkauft, sollte «hat das Gerät eine programmierbare Schnittstelle?» ins Pflichtenheft nehmen. Zur Kehrseite: Bei Genentech scheiterte Claude an Luftblasen in der Flüssigkeit und versuchte es stur mit denselben Einstellungen erneut. Denkfähigkeit ersetzt keine physikalische Erfahrung.

Cisco gibt allen 90'000 Mitarbeitenden einen eigenen Agenten. «MyAgent» führt Aufgaben über Outlook, Webex, Jira und SharePoint hinweg aus und greift dafür auf über 800 spezialisierte Unteragenten zu. Eigen ist jeder Person nur das Gedächtnis: Der Agent merkt sich dauerhaft, woran sie arbeitet. Der Zweck ist so banal wie richtig: die intern wild gewachsene Werkzeugvielfalt zusammenführen.

Claude erinnert sich überall gleich. Seit dem 25. August ist die Erinnerung in Claude Chat dieselbe wie in Cowork. Du kannst Thema für Thema einsehen, was gespeichert ist, und einzelne Einträge löschen. Standardmässig aktiv auf Free, Pro und Max. Sensible Themen wie Gesundheit, Herkunft, Religion oder Politik speichert Claude standardmässig nicht. Für Firmen der relevante Punkt: Wenn Erinnerung standardmässig an ist, gehört sie in die Datenschutz-Beschreibung.

Mistral verbessert die Suche in eigenen Dokumenten. Statt einmal eine Handvoll Textstücke zu holen und daraus zu antworten, kann das Modell suchen, ein Dokument öffnen, zur richtigen Stelle springen, lesen und prüfen. Bei Fragen zu Geschäftsberichten steigt die Trefferquote laut Mistral von 26,7 auf 86 Prozent – eigene Messung, nicht unabhängig geprüft. Läuft auch in der eigenen Infrastruktur, was für Firmen mit vertraulichen Unterlagen der eigentliche Punkt ist.

Google trennt die Transkription vom Chatmodell. Seit dem 26. August gibt es Gemini 3.5 Transcribe als eigenständiges Sprache-zu-Text-Modell, dazu eine Live-Variante für laufende Gespräche. Beworben werden über 85 Sprachen, automatische Sprechertrennung, Zeitstempel pro Wort und eine eigene Begriffsliste von bis zu 1000 Einträgen. Letzteres ist der praktische Punkt: Wer Produktnamen, Fachbegriffe oder Schweizer Ortsnamen im Protokoll korrekt haben will, kann sie neu vorgeben.

OpenAI hat o3 abgeschaltet. Seit dem 26. August ist das Modell nach einer 90-tägigen Auslauffrist nicht mehr in ChatGPT verfügbar. Über die Programmierschnittstelle läuft es noch bis zum 11. Dezember 2026. Wenn ihr irgendwo eine feste Modellwahl in einem Ablauf hinterlegt habt, prüft das jetzt und nicht im Dezember.

LibreOffice verzichtet bewusst auf KI. Die am 26. August erschienene Version 26.8 kommt ohne generative KI-Funktionen. Die Document Foundation nennt das ausdrücklich eine bewusste Position: Kein Dokument geht zur Verarbeitung an einen fremden Dienst, kein Teil der Suite braucht Netzzugang. Ein brauchbares Gegenargument für alle, die glauben, jede Software brauche jetzt einen Assistenten.

Googles Videomodell ist aus der Testphase raus. Seit dem 27. August ist Gemini Omni 1.1 Flash allgemein verfügbar. Neu sind drei Dinge, die in der Praxis zählen: Ein bestehender Clip lässt sich hinten verlängern, aus einem Start- und einem Endbild entsteht der Übergang dazwischen, und die Auflösung reicht bis 4K. Der bisherige Vorschau-Zugang wird am 30. September abgeschaltet. Wer damit produktiv arbeitet, hat also einen Termin im Kalender.

Nachtrag zu Apertus. Zum Schweizer offenen Sprachmodell gab es diese Woche nichts Neues. Der technische Bericht zu Apertus 1.5 steht weiterhin aus.

Drei Dinge, die du diese Woche tun solltest:

  1. Hol die Vorhaben zurück auf den Tisch, die an Kosten oder Datenhaltung gescheitert sind. Beides hat sich diese Woche verschoben: Das Spitzenmodell kostet bei typischer Nutzung rund ein Viertel weniger, bei Agenten-Abläufen bis zu 45 Prozent. Und Unternehmensdaten dürfen neu in der eigenen Cloud bleiben, statt beim Anbieter zu liegen. Wenn ein Projekt mit einem dieser beiden Argumente gestoppt wurde, ist das Argument weg.

  2. Leg fest, wo ein Agent angemeldet arbeiten darf, bevor jemand es ausprobiert. Zwei Listen reichen: auf welchen Systemen ja, und welche Aktionen dort nie ohne menschliche Bestätigung laufen. Alles, was Geld bewegt, Verträge auslöst oder Daten nach aussen gibt, gehört auf die zweite Liste. Das ist nicht nur eine Sicherheitsfrage. Die Wharton-Studie zeigt, dass Agenten bei derselben Frage ganz unterschiedlich entscheiden, je nachdem, welche Website sie zufällig zuerst gelesen haben. Gib dem Agenten ausserdem ein eigenes Konto mit wenig Rechten. Läuft er unter deinem Login, steht in jedem Protokoll dein Name.

  3. Rechne die Hardware-Annahmen im Budget nach. Amazon hat die eigenen Geräte um bis zu 60 Prozent verteuert, Apple und Microsoft ähnlich, alle wegen der Speicherchip-Knappheit. Wer für 2027 einen Geräteersatz eingeplant hat, arbeitet gerade mit veralteten Preisen. Nutzungsdauer verlängern ist dieses Jahr die billigere Antwort.

Quellen: - https://www.anthropic.com/claude-fable-and-mythos-5-1 - https://www.anthropic.com/claude-fable-5-1-mythos-5-1-system-card - https://www.anthropic.com/news/enterprise-frontier-safeguards - https://claude.com/blog/cowork-built-in-browser - https://claude.com/blog/claude-in-chrome-generally-available - https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes - https://www.anthropic.com/news/model-hardware-standard-research-preview - https://www.salesforce.com/news/press-releases/2026/08/26/salesforce-and-anthropic-announce-claudeforce/ - https://www.cnbc.com/2026/08/26/salesforce-anthropic-partnership-claudeforce.html - https://www.cnbc.com/2026/08/27/nvidia-hugging-face-acquisition.html - https://techcrunch.com/2026/08/26/nvidia-closes-in-on-hugging-face-acquisition/ - https://techcrunch.com/2026/08/29/sony-music-warner-sue-anthropic-alleging-a-brazen-campaign-of-intellectual-property-theft/ - https://www.musicbusinessworldwide.com/now-sony-music-publishing-and-warner-chappell-sue-anthropic-in-multi-billion-dollar-lawsuit-one-of-the-largest-and-most-blatant-ongoing-thefts-of-intellectual-property-in-history/ - https://cloud.google.com/blog/products/ai-machine-learning/announcing-agents-to-payments-ap2-protocol - https://fortune.com/2026/08/24/google-ai-agent-payment-protocol-gap/ - https://www.cnbc.com/2026/08/27/anthropic-pushes-into-physical-world-with-new-standard-to-help-ai-agents-operate-machines.html - https://the-decoder.com/ai-shopping-agents-arent-ready-to-buy-on-your-behalf-study-finds/ - https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=7355899 - https://openai.com/index/our-decision-on-cursor-following-its-acquisition-by-spacex/ - https://the-decoder.com/openai-cuts-off-cursor-after-spacex-acquisition-citing-musks-history-of-breaking-contracts/ - https://ai.google.dev/gemini-api/docs/changelog - https://techcrunch.com/2026/06/16/spacex-to-acquire-cursor-for-60b-in-stock-days-after-blockbuster-ipo/ - https://www.cnbc.com/2026/08/28/judge-blocks-pentagon-blacklist--anthropic-.html - https://www.notus.org/courts/judge-says-pentagon-illegally-blacklisted-anthropic - https://www.cnbc.com/2026/08/27/ai-cyber-defense-letter.html - https://www.securityweek.com/tech-cybersecurity-giants-unite-behind-openai-led-cyber-defense-pledge/ - https://openai.com/index/hugging-face-incident-and-the-road-ahead/ - https://metr.org/blog/2026-08-26-openai-hugging-face-incident-investigation/ - https://www.informationweek.com/responsible-ai/the-week-of-aug-24-28-what-happened-what-matters-what-s-next - https://fortune.com/2026/08/21/exclusive-amazon-quietly-hiked-prices-echo-fire-tv-kindle-eero-significant-increases-memory-costs/ - https://www.presseportal.ch/de/download/document/6a4f206d270000fd2c2e8054-job-index-q2-2026-medienmitteilung.pdf - https://investor.nvidia.com/news/press-release-details/2026/NVIDIA-Announces-Financial-Results-for-Second-Quarter-Fiscal-2027/default.aspx - https://www.inside-it.ch/ki-kluft-in-der-schweiz-vertieft-sich-20260827 - https://www.itmagazine.ch/artikel/87871/57_Prozent_der_Schweizer_Unternehmen_nutzen_KI.html - https://www.inside-it.ch/erwerbslosigkeit-bei-it-und-technik-studienabschluessen-steigt-stark-20260827 - https://www.inside-it.ch/zwei-neue-anlaufstellen-fuer-it-und-ki-jobs-20260827 - https://www.searchenginejournal.com/ai-search-myths-debunked-ahrefs-spa/584393/ - https://mistral.ai/news/agentic-search/ - https://claude.com/blog/claudes-memory-works-everywhere-and-you-decide-whats-in-it - https://www.neowin.net/news/libreoffice-268-is-out-and-it-still-refuses-to-add-ai-features/ - https://www.wsj.com/cio-journal/cisco-gave-all-90-000-employees-their-own-ai-agent-1a4ad8bc

Bereit, KI strategisch anzugehen?

30-minütiges Erstgespräch – kostenlos und unverbindlich. Wir schauen gemeinsam wo ihr steht und was der richtige erste Schritt ist.

Bereit, KI strategisch anzugehen?

30-minütiges Erstgespräch – kostenlos und unverbindlich. Wir schauen gemeinsam wo ihr steht und was der richtige erste Schritt ist.

Welche Newsletter möchtest du abonnieren?
Bitte wähle mindestens einen Newsletter.
Deine Anmeldung war erfolgreich.
Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Versuch's bitte nochmals.
Welche Newsletter möchtest du abonnieren?
Bitte wähle mindestens einen Newsletter.
Deine Anmeldung war erfolgreich.
Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Versuch's bitte nochmals.