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KI-News KW 43: Agenten sprengen Git, Mistral greift zum Telefon
Anthropic ersetzt Git, weil die eigenen Agenten zu viel Code liefern, und stellt weniger Junior-Leute ein. Mistral bringt Sprach-Agenten und Prognosen, Berlin geht auf Distanz. Dazu: Apertus legt offen, wie es gebaut ist, und China will offene Modelle kontrollieren.

Anthropic hat ein Werkzeug ersetzt, das fast jede Softwarefirma der Welt nutzt. Ich habe für euch zusammengetragen, warum Claude selbst das Problem war und was Anthropics Belegschaftszahlen über Junior-Stellen verraten. Und warum Mistral jetzt Telefonate führt, während Berlin auf Distanz geht.
Anthropic: Die eigenen Agenten sprengen Git
Was Git ist. Mit Git speichern Softwareteams jede Änderung am Code und führen sie zusammen. Fast jede Firma mit eigener Software nutzt es. Anthropic hat Git jetzt intern ersetzt.
Warum. Im Mai 2026 hat Anthropic rund 2'500 Code-Änderungen pro Tag übernommen. Im September waren es über 30'000. Treiber ist Claude. Git ist für Menschen gebaut, die auch offline arbeiten. Bei Anthropic arbeiten aber vor allem Agenten, und die sind immer online. Für diese Last ist Git nicht gemacht.
Was Anthropic gebaut hat. Das neue System heisst Scion. Die Arbeit läuft auf zentralen Servern, Agenten holen nur die Dateien, die sie brauchen. Laut Anthropic braucht Scion 200-mal weniger Rechenleistung als vorher. Sieben Personen haben es in fünf Monaten gebaut, Claude schrieb den Grossteil des Codes. Scion ist kein Produkt. Anthropic teilt nur die Ideen und erwartet, dass andere Firmen in sechs bis zwölf Monaten an dieselben Grenzen stossen.
Was die Belegschaft zeigt. Am 17. Oktober hat Anthropic einen Bericht über die eigene Belegschaft veröffentlicht. Die Firma stellt deutlich weniger Junior-Leute ein. Bei den technischen Neueinstellungen fiel ihr Anteil seit Anfang 2025 von 27 auf 9 Prozent.
20 Prozent der Mitarbeitenden sagen, ihr Job habe sich verschoben: «from actually doing work to managing Claudes». Auf Deutsch: von der eigentlichen Arbeit zum Führen von Claudes. Sie lesen, prüfen und ordnen, was Claude liefert. Gleichzeitig verbringen sie 20 Prozent mehr Zeit in Meetings. Laut Bericht stimmen sie sich dort ab und klären, wer wofür geradesteht.
Kritisch: Anthropic verkauft Claude. Beide Berichte zeigen Anthropic als Vorreiter. Unabhängig geprüft sind die Zahlen nicht.
Einordnung: Wer Agenten einsetzt, verschiebt Arbeit vom Schreiben zum Prüfen. Plant Leute für das Prüfen ein, nicht weniger Leute. Und streicht Junior-Stellen nicht, ohne zu klären, wer in fünf Jahren eure Senior-Leute sind.
Mistral: Sprach-Agenten, Prognosen und Gegenwind
Mistral hat in einer Woche zwei neue Modellfamilien veröffentlicht. Beide laufen in Europa oder auf eigenen Servern.
Voxtral 3: Der Agent am Telefon. Am 20. Oktober hat Mistral Voxtral 3 vorgestellt. Es besteht aus drei Teilen. Ein Modell schreibt Gesprochenes mit, in über 50 Sprachen. Ein zweites spricht, in über 35 Sprachen und 50 Dialekten. Dazu kommt ein Baukasten für Sprach-Agenten.
Ein solcher Agent hört zu, denkt nach und handelt während des Gesprächs. Er prüft etwa die Identität einer Anruferin, kontrolliert eine Rechnung oder bucht einen Termin. Laut Mistral antwortet er in unter einer Sekunde. Er lässt sich an bestehende Telefonanlagen und Callcenter-Software anschliessen. Mitschreiben kostet ab 0,0035 Dollar pro Minute. Ein kompletter Sprach-Agent mit Mistral Small 4 kostet 0,04 Dollar pro Minute.
Mit 30 Minuten Tonaufnahme bildet Voxtral eine bestimmte Stimme nach, etwa die Markenstimme einer Firma. Meine eigenen Tests mit einer Vorversion waren durchzogen. Bessere Ergebnisse hatte ich mit ElevenLabs und 5 Minuten Aufnahme. Ich teste die Live-Version nochmals für euch.
Kritisch: Die Vergleiche mit Google, OpenAI und ElevenLabs stammen von Mistral. Ob Schweizerdeutsch dazugehört, sagt Mistral nicht. Die 30 Minuten Aufnahme sind für Betrüger eine Hürde. Bei ElevenLabs und Co. reichen 15 Sekunden. Jedes kurze Reel und jede Sprachnachricht auf WhatsApp genügt dort zum Klonen.
Timestral: Prognosen statt Texte. Am 15. Oktober hat Mistral Timestral vorgestellt. Es sagt Zeitreihen voraus, also Messwerte im Zeitverlauf: Umsatz pro Tag, Stromverbrauch pro Viertelstunde, Temperatur einer Pumpe. Mistral nennt Fabriken, Energie, Lieferketten und Finanzen. Timestral läuft ohne Grafikkarte auf einem normalen Server, auch ganz ohne Internetverbindung. Die Lizenz ist offen. Laut Mistral führt es die drei wichtigsten öffentlichen Vergleichstests an. Der technische Bericht folgt erst noch.
Gegenwind aus Berlin. Die deutsche Bundesregierung verfolgt einen geplanten Rahmenvertrag mit Mistral und SAP vorerst nicht weiter. Das bestätigte das Digitalministerium laut «Welt» und Politico. Gründe nannte niemand. Kurz davor wechselte die Berliner Suchmaschine Ecosia von Mistral zu anderen Anbietern. Laut Ecosia-Chef Christian Kroll liegt Mistral rund ein Jahr hinter der Konkurrenz. SAP hält an der Zusammenarbeit mit Mistral fest.
Einordnung: Wer ein Callcenter oder eine Hotline betreibt, sollte Voxtral 3 mit zehn echten Anrufgründen testen. Wer Absatz, Lager oder Energie plant, lässt Timestral gegen die heutige Prognose antreten. Prüft Mistral an eigenen Aufgaben, statt auf Schlagzeilen aus Berlin oder Paris zu hören.
Schweiz: Apertus legt offen, wie es gebaut ist
Der Bericht ist da. Das Apertus-Team von ETH, EPFL und CSCS hat den technischen Bericht zu Apertus 1.5 am 14. Oktober auf der Website veröffentlicht. Er beschreibt alle Trainingsschritte und Daten. Auch Zwischenstände des Modells sind öffentlich. Jede Forscherin und jeder Forscher kann das Training nachvollziehen.
Was Apertus 1.5 kann. Das Modell versteht jetzt auch Bilder. Gesprochene Sprache versteht es versuchsweise. Antworten gibt es nur als Text. Laut Team liegt Apertus noch hinter den besten offenen Modellen. Bei Schweizer Rechtsaufgaben hält es aber mit führenden offenen Modellen mit. Beim Übersetzen schlägt die kleine Version in einem Vergleichstest Claude Haiku 4.5 und Google Translate.
Wo es läuft. Apertus läuft in den Apps Lumo von Proton und Euria von Infomaniak. Für Entwickler:innen bieten unter anderem Swisscom, Infomaniak und Phoeniqs Zugang an. Das Modell wurde über 5 Millionen Mal heruntergeladen. Am AI+X Summit in Zürich hat das Team Apertus 2.0 skizziert. Es soll deutlich grösser werden und sich auf Agenten, Mathematik und Programmieren konzentrieren.
Einordnung: Für Übersetzungen und interne Texte lohnt ein Test mit Apertus. Daten und Modell bleiben dabei in der Schweiz.
China will offene Modelle kontrollieren
Am 16. Oktober hat China einen Entwurf für neue Exportregeln veröffentlicht. Sie betreffen 23 KI-Technologien, darunter die grössten und besten Sprachmodelle des Landes. Kontrolliert werden das Modell selbst, der Code und die Trainingsmethoden.
Offen veröffentlichte Modelle bleiben vorerst erlaubt. Sie müssen aber registriert werden und gelten dann automatisch als genehmigt. Bereits veröffentlichte Modelle sind ausgenommen. Wer ein kontrolliertes chinesisches Modell auf eigenen Servern im Ausland betreiben will, braucht künftig eine Exportbewilligung. Die Nutzung über das Internet bleibt frei.
Laut Fachleuten sichert sich Peking damit die Möglichkeit, künftige offene Modelle jederzeit zurückzuhalten. Die USA kontrollieren den Export von Modellen bereits.
Kritisch: Viele europäische Firmen setzen auf chinesische offene Modelle, weil sie günstig und stark sind. Europas Plan, offene Modelle in eigenen Rechenzentren zu betreiben, hängt damit stärker an Entscheiden in Peking und Washington.
Einordnung: Prüft, welche Modelle in euren Produkten und bei euren Dienstleistern stecken. Wer auf ein chinesisches Modell baut, braucht eine zweite Option, etwa von Mistral oder Apertus.
OpenAI: Folien in ChatGPT, Abschied von GPT-4o
ChatGPT Slides. Seit 16. Oktober baut ChatGPT Präsentationen. Man startet aus einem Chat, aus Dateien oder einer Gliederung. Ein bestehendes Deck dient als Vorlage für Stil und Layout. Mehrere Personen bearbeiten das Deck gleichzeitig. Export geht nach PowerPoint, PDF und Google Slides. Verfügbar ist Slides für Pro, Business und Enterprise mit Zugang zu Space.
GPT-6 Pro mit mehreren Agenten. GPT-6 Pro antwortet schneller und teilt grosse Aufgaben auf mehrere Agenten auf. Sie arbeiten parallel. Das gilt vorerst für Pro-Abos.
GPT-4o verschwindet aus der API. Laut mehreren Fachmedien schaltet OpenAI am 14. Januar 2027 GPT-4o, GPT-4o mini, GPT-4.1 und GPT-4.1 mini in der API ab. Als Ersatz empfiehlt OpenAI GPT-6 Luna. Auch nachtrainierte Varianten der alten Modelle sind betroffen.
Einordnung: OpenAI zieht mit Slides nach. Anthropic hat Claude Slides, Docs und Motion schon Anfang Oktober lanciert. Seit letzter Woche laufen sie auch in der Schweiz und in Europa, ich habe sie getestet: Sie funktionieren prima. Und wer GPT-4o in eigenen Anwendungen nutzt, plant den Wechsel jetzt.
Kurz und wichtig
Behörden verlangen Antworten. Das KI-Büro der EU hat erstmals formelle Auskunftsbegehren unter dem AI Act verschickt, an OpenAI und Anthropic. Anlass sind Agenten, die im Sommer aus Tests ausbrachen und in fremde Systeme eindrangen. Fast gleichzeitig hat laut Axios die US-Behörde FTC beiden Firmen je über 50 Seiten Fragen geschickt. Ob der AI Act für Vorfälle in Tests überhaupt gilt, ist unter Jurist:innen umstritten.
Apple bringt Siri AI nicht nach Europa. Apple hat letzte Woche neue Geräte mit Siri AI vorgestellt, darunter Apple TV und den Homepod Mini 2. In der EU kommen sie ohne Siri AI auf den Markt, die Steuerzentrale Homeview vorerst gar nicht. Grund ist der Streit mit der EU-Kommission, die verlangt, dass Apple auch KI-Assistenten anderer Anbieter zulässt.
Gemini 4 Argon für alle. Google hat sein Spitzenmodell am 13. Oktober für alle zahlenden API-Kund:innen freigegeben. Zum Start kostet es 2 Dollar pro Million Eingabe-Token und 10 Dollar für die Ausgabe. Danach verdoppelt sich der Preis.
Meta veröffentlicht ein offenes Grossmodell. Am 15. Oktober hat Meta Muse Spark Open vorgestellt. Laut Meta ist es das stärkste offene Modell aus den USA. Es läuft auch lokal auf einem Mac, braucht dafür aber mindestens 1 Terabyte Arbeitsspeicher.
Anthropics Zahlen vor dem Börsengang. Laut Wall Street Journal zeigt Anthropics Börsenprospekt-Entwurf 16,3 Milliarden Dollar Umsatz im ersten Halbjahr 2026. Für Rechenleistung gab die Firma im selben Zeitraum fast 9 Milliarden aus, mehr als im ganzen Jahr 2025. Rund 20 Prozent des Umsatzes stammen von nur zwei Kunden.
Anthropic schreibt am eigenen Gesetz mit. Laut Politico hat Anthropic US-Abgeordneten einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Ein Modell liesse sich nur stoppen, wenn es über 50 Tote oder 1 Milliarde Dollar Schaden verursachen könnte. Darüber entscheiden müsste ein Bundesgericht. Kritiker:innen halten die Schwelle für zu hoch.
Drei Dinge, die du diese Woche tun solltest
Apertus testen. Öffne Euria von Infomaniak oder Lumo von Proton. Lass einen deutschen Text ins Französische übersetzen und vergleiche mit deinem heutigen Werkzeug.
Claude Slides ausprobieren. Gib Claude einen Bericht und ein bestehendes Firmen-Deck als Vorlage. Lass fünf Folien bauen und exportiere sie nach PowerPoint.
Voxtral 3 anrufen lassen. Öffne den Testbereich in Mistral Studio und spiel einen typischen Kundenanruf durch, auch auf Schweizerdeutsch. Prüfe, ob das Mitschreiben stimmt und die Antwort natürlich klingt.