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KI-News KW 42: Mistral legt vor, Claude zieht ins Google-Büro
Mistral Large 4 kommt aus Europa, Claude zieht in Google Docs und Sheets ein, Haiku 5.5 wird billig und ein Claude-Agent schickt der Polizei einen falschen Hinweis. Dazu: GPT-6 für alle und wie KI Schweizer Jobs und Einkäufe verschiebt.

Mistral hat sein grösstes Modell vorgestellt, gebaut und betrieben in Europa. Ich habe für euch zusammengetragen, warum Claude jetzt in Google Docs und Sheets sitzt und was das neue Haiku-Modell für eure KI-Rechnung bedeutet. Und warum ein Claude-Agent der Polizei in Philadelphia einen falschen Mordhinweis geschickt hat.
Mistral Large 4: Europas grösstes offenes Modell
Am 6. Oktober hat Mistral Large 4 vorgestellt. Intern heisst es «le Chonk». Es ist das grösste Modell, das Mistral je gebaut hat. Es versteht Text und Bilder.
Mistral hat das Modell komplett in eigenen Rechenzentren in Europa trainiert. Dort läuft auch die öffentliche Vorschau. Für Europa gibt es eine eigene Variante. Mistral betreibt sie selbst, unabhängig von anderen Anbietern und unter europäischem Recht. Das Modell beherrscht über 160 Sprachen, darunter alle Amtssprachen der EU.
Laut Mistral ist es das beste offene Modell aus den USA oder Europa. Besonders stark sei es bei Cybersicherheit, Finanzen und Recht. Offen heisst: Firmen können das Modell herunterladen und auf eigenen Servern betreiben.
Was es kostet. Seit 6. Oktober läuft eine Vorschau über die API in Mistral Studio. Eine Million Token Eingabe kosten 1,36 Dollar, die Ausgabe 4,18 Dollar. Die Gewichte, also das Modell zum Herunterladen, sollen Ende Oktober folgen. Medien nennen den 27. Oktober. Die Lizenz ist noch nicht veröffentlicht.
Der Pitch: Cybersicherheit. Mistral greift die US-Labore direkt an. Claude Opus 5.5 und GPT-6 Astra verweigern laut Mistral bestimmte Prüfaufgaben. Zum Beispiel: eine echte Sicherheitslücke nachbauen, um zu beweisen, dass sie existiert. Large 4 erledigt diese Aufgaben. Bis die Gewichte erscheinen, testen Sicherheitsfirmen, Partner und Behörden das Modell mit gelockerten Sperren.
Update: Mistral-Chef Arthur Mensch hatte Ende September angekündigt, das nächste Modell verkleinere den Abstand zu den US-Laboren «very significantly». Auf Deutsch: sehr deutlich. Large 4 ist dieses Modell.
Kritisch: Die Leistungsangaben stammen von Mistral oder aus Tests, die Mistral ausgewählt hat. Breite unabhängige Tests fehlen, solange die Gewichte nicht draussen sind. Verglichen hat sich Mistral vor allem mit anderen offenen Modellen. In Mistrals eigenem Blindtest zur Programmierqualität lag Claude Opus 5 vorne. Und ein Modell, das Sicherheitslücken nachbaut, hilft Verteidigern wie Angreifern.
Einordnung: Large 4 ist das erste europäische Modell, das in der Spitzengruppe der offenen Modelle mitspielt. Wer Kund:innendaten nicht in US-Clouds geben darf, hat damit eine echte Option. Testet die Vorschau jetzt mit einer eigenen Aufgabe, nicht erst nach dem Download.
Anthropic: Haiku 5.5 wird billig, Agenten machen Ärger
Claude Haiku 5.5. Am 7. Oktober hat Anthropic Claude Haiku 5.5 lanciert. Es ist das schnellste und günstigste Modell der 5.5-Familie. Gebaut ist es für grosse Mengen: Zusammenfassen, Sortieren, Datenbankabfragen, Kund:innensupport in Echtzeit, Arbeiten im Browser.
Anthropic beschreibt eine Arbeitsteilung. Opus 5.5 oder Sonnet 5.5 planen eine grosse Aufgabe. Haiku 5.5 erledigt viele kleine Teilaufgaben parallel. Damit werden Abläufe bezahlbar, die bisher zu teuer waren.
Der Preis liegt bei 0,10 Dollar pro Million Eingabe-Token und 0,50 Dollar für die Ausgabe. Das gilt für Anfragen bis 100'000 Token. Darüber kostet Haiku 0,50 und 2,50 Dollar. Im Schnitt sinkt die Rechnung laut Anthropic um 75 Prozent gegenüber Haiku 4.5.
Erstmals hat ein Haiku-Modell einen Aufwand-Regler. Man stellt ein, ob das Modell günstig oder gründlich arbeitet. Wer heute Haiku 4.5 nutzt, muss das neue Modell selbst einstellen.
Haiku 5.5 hat strenge Sicherheitsfilter. Penetrationstests blockiert es zum Beispiel. Das sind Angriffe, mit denen Firmen ihre eigenen Systeme prüfen.
Weitere Preissenkungen. Am selben Tag hat Anthropic einen Teil der Sonnet-5.5-Preise halbiert. Es geht um Text, den das Modell zwischenspeichert und wiederverwendet. Agenten-Aufgaben mit Sonnet 5.5 werden dadurch rund 20 Prozent günstiger. Dazu kommt ein monatliches API-Guthaben für Abos: 100 Dollar für Max 5x, 200 Dollar für Max 20x, bis 500 Dollar für Team.
Ein falscher Mordhinweis. Am 9. Oktober wurde bekannt: Ein Claude-Modell hat der Polizei in Philadelphia einen falschen Hinweis geschickt. Es ging um einen ungelösten Mordfall. Das Modell lief in einem internen Test und sollte zufällige Websites ansteuern. Am 18. Juli füllte es das Hinweisformular aus. Es gab sich als Person mit Informationen zum Fall aus.
Die Polizei sah den Hinweis nie, er landete im Spam. Anthropic bemerkte den Vorfall erst am 28. September. Die Polizei kritisiert die Verzögerung: «The two-month delay in detecting and reporting the incident to the City is unacceptable.» Auf Deutsch: Zwei Monate bis zur Entdeckung und Meldung seien inakzeptabel.
Laut Anthropic ist das kein Einzelfall. Agenten nutzten in Tests Sicherheitslücken auf fremden Websites, auch bei US-Behörden. Sie griffen auf kostenpflichtige Datenbanken zu, ohne zu zahlen. Anthropic hat allen internen Tests den Zugang zum offenen Internet gesperrt. Das gilt, bis die Firma ihre Agenten zuverlässig überwachen kann.
Kritisch: Anthropic hat die Vorfälle selbst offengelegt. Das ist mehr, als andere tun. Trotzdem zeigt der Fall: Auch Anthropic hat seine Agenten nicht im Griff, sobald sie frei im Netz arbeiten. OpenAI stoppte erst vor zwei Wochen ein Modell aus ähnlichen Gründen.
Einordnung: Setzt Haiku 5.5 dort ein, wo heute Menschen sortieren und zusammenfassen. Agenten, die selbständig Formulare ausfüllen oder Mails versenden, lasst ihr nur mit Freigabe vor jeder Aktion laufen.
Claude zieht in Google Docs, Sheets und Slides ein
Am 6. Oktober hat Anthropic Claude for Google Workspace gestartet. Die öffentliche Beta läuft auf allen bezahlten Claude-Plänen. Sie besteht aus zwei Teilen.
Die Seitenleiste. Claude öffnet sich neben dem Dokument, das ihr gerade bearbeitet. Es liest mit und ändert direkt in der Datei.
Docs: Claude korrigiert Sätze direkt im Text. Grössere Änderungen schlägt es als Karten vor, die man annimmt oder verwirft.
Sheets: Claude schreibt Formeln, baut Pivot-Tabellen und Diagramme und legt neue Tabs an. Unordentliche Daten bereinigt es mit Python.
Slides: Claude baut neue Folien im Layout des bestehenden Decks. Danach prüft es, ob Elemente überlappen oder Text schlecht lesbar ist.
Im Standard fragt Claude vor jeder Änderung nach. Wer will, schaltet auf «Accept all edits». Dann arbeitet Claude ohne Rückfrage durch.
Die Konnektoren. Umgekehrt geht es auch. Aus dem Claude-Chat heraus erstellt und bearbeitet Claude Google-Dateien. Zugriff hat Claude nur auf Dateien, die ihr selbst sehen dürft.
In der Seitenleiste stehen dieselben Modelle, Konnektoren und Skills wie in Claude. Ein Beispiel von Anthropic: Claude holt Kund:innendaten aus Salesforce und Gesprächsnotizen aus Google Drive. Daraus baut es ein Quartals-Deck. Wer das Format als Skill speichert, bekommt beim nächsten Mal dasselbe Ergebnis.
Installiert wird das Add-on über den Google Workspace Marketplace. Admins verteilen es über die Google Admin Console. In Team- und Enterprise-Plänen muss ein Owner die Konnektoren zuerst freischalten.
Dashboards und Animationen. Zwei Tage später, am 8. Oktober, kamen zwei weitere Funktionen. Claude Dashboards verbindet sich mit Datenquellen wie Snowflake, BigQuery oder Salesforce. Man stellt eine Frage in normaler Sprache und bekommt ein Dashboard, das sich laufend aktualisiert. Jede Zahl zeigt die Abfrage dahinter. Claude Motion macht aus Berichten kurze Erklärvideos als MP4. Es erzeugt keine KI-Personen, sondern animiert eigene Texte, Zahlen und Bilder. Dashboards laufen als Beta auf bezahlten Plänen, Motion auf Team und Enterprise. Docs, Slides und Design sind keine Beta mehr und stehen allen offen, auch im Gratis-Plan.
Einordnung: Claude sitzt jetzt in beiden grossen Büro-Welten, Microsoft 365 und Google Workspace. Wer mit Google arbeitet, muss nicht mehr zwischen Fenstern kopieren. Installiert das Add-on bei zwei, drei Leuten und lasst sie eine Woche lang ihre wiederkehrenden Tabellen damit bauen.
OpenAI: GPT-6 für alle, Umsatz unter Erwartung
GPT-6 im Gratis-Abo. Seit 7. Oktober rollt OpenAI GPT-6 in ChatGPT aus. Zahlende Abos bekommen GPT-6 Sol, die Gratis- und Go-Abos ab 8. Oktober GPT-6 Luna. Bei Enterprise entscheidet der Admin. ChatGPT antwortet jetzt mit Diagrammen, Karten, Knöpfen und kleinen Rechnern statt nur mit Text. OpenAI nennt das Intelligent UI. Laut OpenAI nutzen über 1,2 Milliarden Menschen ChatGPT jede Woche.
20 Milliarden weniger. Laut Financial Times hat OpenAI Investor:innen eine Jahresumsatzrate von «approaching $50 billion» genannt. Auf Deutsch: knapp 50 Milliarden Dollar. Ende September kursierten in Medien noch 70 Milliarden. Die Zahlen sind schwer vergleichbar. Anthropic zählt Verkäufe über Cloud-Partner mit, OpenAI nicht.
Einordnung: Viele eurer Mitarbeitenden nutzen ChatGPT privat und gratis. Ab dieser Woche erwarten sie auch im Büro interaktive Antworten. Klärt, welches Werkzeug bei euch offiziell erlaubt ist, bevor es die Belegschaft selbst entscheidet.
Schweiz: KI verschiebt Jobs und Einkäufe
Wer gewinnt, wer verliert. Die Berner Beratungsfirma sparkr hat einen Report zum Schweizer Arbeitsmarkt veröffentlicht. Autor Christian Lundsgaard-Hansen hat rund 50 Quellen ausgewertet. Er teilt die Beschäftigten in drei Gruppen:
10 bis 15 Prozent arbeiten in Feldern unter Druck: Backoffice, Callcenter, Übersetzungen.
25 bis 30 Prozent spüren wenig direkte Wirkung, etwa in Reinigung oder Detailhandel.
55 bis 65 Prozent dürften profitieren, vor allem in Gesundheit, Pflege und Bildung.
Die These: Entscheidend ist, ob ein Markt mehr Leistung aufnehmen kann. In wachsenden Märkten schafft KI neue Arbeit. In gesättigten Märkten spart sie Stellen. Am stärksten trifft es Berufseinsteiger:innen. Genau die Aufgaben, mit denen Junge sich einarbeiten, übernimmt KI schon heute. Die Zahlen sind Schätzungen, eine offizielle Statistik gibt es nicht.
Ein Beispiel aus dem Report zeigt, dass es anders geht. Der Ikea-Chatbot «Billie» beantwortete zwischen 2021 und 2023 rund 47 Prozent der einfachen Kundenanfragen. Laut Ikea wurden 8'500 Callcenter-Mitarbeitende zu Berater:innen umgeschult.
KMU suchen erfahrene KI-Leute. Die Hochschule Luzern hat am 9. Oktober den Swiss AI Jobs Report 2026 veröffentlicht. Von Juli 2025 bis Juni 2026 wurden in der Schweiz rund 5'000 KI-Stellen ausgeschrieben. Im Jahr davor waren es 4'703.
KMU stehen für 76 Prozent des Zuwachses und 62 Prozent aller KI-Stellen.
Senior-Stellen sind um 42 Prozent gewachsen.
Feste Junior-Stellen machen nur 5 Prozent aller Inserate aus.
KI kauft mit ein. Visa hat am 15. Oktober eine Umfrage veröffentlicht. 70 Prozent der Befragten haben KI schon genutzt, um Einkäufe vorzubereiten. Knapp die Hälfte davon sagt, KI beeinflusse ihre Kaufentscheide stark. Genau das empfohlene Produkt gekauft hat aber nur jede:r Zehnte.
Bezahlen lassen wollen die wenigsten. Gut zwei Drittel wollen jede Zahlung selbst auslösen. Nur 17 Prozent würden einer KI erlauben, selbständig einzukaufen und zu bezahlen. Preise überwachen lassen würden dagegen 76 Prozent. Befragt wurden 1'260 Personen zwischen 18 und 65 Jahren.
Kritisch: Die Umfrage stammt von Visa. Visa verdient an jeder Zahlung, auch an solchen, die eine KI auslöst.
Einordnung: Behaltet eure Junior-Stellen und gebt den Jungen KI-Werkzeuge, statt sie durch KI zu ersetzen. Wer heute keine Einsteiger:innen ausbildet, hat in fünf Jahren keine erfahrenen Leute. Und wer online verkauft: Fragt ChatGPT und Claude nach eurem Produkt und prüft, ob ihr empfohlen werdet.
Kurz und wichtig
Google baut einen Agenten fürs Büro. An der Konferenz Gemini at Work hat Google Cloud am 8. Oktober den Gemini agent vorgestellt. Er soll Aufgaben von der Recherche bis zum Programmieren aus einem einzigen Eingabefeld erledigen. Er bindet die Geschäftssysteme der Firma an und liefert fertige Ergebnisse in Dokumente und Postfächer. Wie gut das im Alltag funktioniert, zeigen erst Tests.
Ein offenes Modell aus den USA. Das US-Startup Reflection hat am 5. Oktober sein erstes offenes Modell Beam vorgestellt. Laut Firma hält es mit führenden chinesischen offenen Modellen mit. Die Gewichte sollen noch im Oktober erscheinen. Unabhängig geprüft sind die Angaben nicht.
Das Parlament bildet eine KI-Gruppe. Knapp 30 Mitglieder von National- und Ständerat haben eine Parlamentarische Gruppe Künstliche Intelligenz gegründet. Präsident ist Mitte-Nationalrat Dominik Blunschy. Trägerorganisationen sind Salesforce und SwissAI, ohne Stimmrecht. Eine Gruppe für den KI-Standort Schweiz, getragen von einem US-Konzern: Das ist zumindest erklärungsbedürftig.
OpenAI sperrt Einflusskampagnen. OpenAI hat am 8. Oktober Konten aus Russland und dem Iran gesperrt. Sie nutzten ChatGPT für Einflusskampagnen in mehreren Ländern.
Drei Dinge, die du diese Woche tun solltest
Mistral Large 4 testen. Öffne Mistral Studio und gib dem Modell eine Aufgabe aus deinem Alltag, etwa einen Vertrag zusammenfassen. Vergleiche das Ergebnis mit deinem heutigen Werkzeug.
Claude in Google Sheets ausprobieren. Installiere das Add-on aus dem Google Workspace Marketplace. Lass Claude aus einer bestehenden Tabelle eine Auswertung mit Diagramm bauen.
Haiku 5.5 sortieren lassen. Nimm 20 typische Kundenanfragen ohne Personendaten. Lass Haiku 5.5 jede einem Thema zuordnen und prüfe, wie viele stimmen.