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Generative AI
KI-News KW 22 – Google baut die Suche um, zwei Billionen-IPOs kommen
Google I/O bringt Search Agents, Google Pics und Personal Intelligence. OpenAI und SpaceX/xAI reichen ihre IPO-Prospekte ein – S&P 500 ändert die Regeln dafür. Anthropic führt neues Preismodell ein. Und der DigitalBarometer 2026 zeigt: 75 % der Schweizer nutzen KI, aber nur 5 % der Unternehmen haben die Datenbasis dafür.

1. Google I/O 2026: Mehr als ein Suchmaschinenupdate
Google I/O fand am 19. und 20. Mai in Mountain View statt. Über 100 Ankündigungen – hier die relevantesten, direkt mit Demo-Links.
Neue Modelle
Gemini 3.5 Flash (Keynote-Playlist) übertrifft Gemini 3.1 Pro in Coding-, Agenten- und multimodalen Benchmarks. Viermal schneller als vergleichbare Frontier-Modelle, in der Entwicklungsplattform Antigravity zwölfmal. Sofort weltweit verfügbar.
Gemini Omni verarbeitet und generiert Text, Audio, Bild und Video in Echtzeit – in dynamischen Formaten. Das ist der erste ernsthafte Schritt von Google in Richtung generative Medienproduktion.
Project Genie (YouTube-Demo) ist ein DeepMind-Forschungsmodell, das aus einfachen Textbeschreibungen interaktive virtuelle Welten generiert. Noch kein Produkt, aber ein Vorgeschmack auf prozedurale Spielwelt-Generierung.
Suche
Das neue intelligente Suchfeld akzeptiert nicht nur Text, sondern auch Bilder und Dateien. Es führt Nutzer:innen zu komplexeren, längeren Anfragen statt zu einfachen Keywords.
Information Agents laufen im Hintergrund rund um die Uhr und beobachten Themen, ohne dass man eine Frage stellen muss. Custom Dashboards folgen in den nächsten Monaten für AI Pro und Ultra Subscriber.
Generative UI baut das Layout der Suchergebnisseite dynamisch auf die jeweilige Frage hin – statt fixer Linkliste eine kontextspezifische Darstellung.
Personal Intelligence integriert Gmail und Google Drive direkt in die Suche – in fast 200 Ländern. Wer Gmail und Drive nutzt, bekommt Suchergebnisse, die den eigenen Kontext kennen.
Workspace
Google Pics ist ein neues KI-Bildtool, direkt in Docs, Drive und Slides eingebaut. Es behandelt jedes Bildelement als eigenständiges Objekt – Vorder- und Hintergrund getrennt bearbeiten, ersetzen und neu generieren. Jede Ausgabe wird mit SynthID-Wasserzeichen versehen. Rollout ab Sommer für AI Pro und Ultra Subscriber.
WebMCP ist ein neuer offener Webstandard: Browser-Agenten können damit nicht nur Seiten lesen, sondern auf ihnen handeln. Origin Trial in Chrome 149 hat begonnen.
Einordnung: Google hat diese Woche gezeigt, dass die Suche nicht mehr ein Suchfeld ist. Personal Intelligence (Gmail + Drive in der Suche) ist die Funktion mit dem grössten sofortigen Alltagseffekt. Offene Frage: Das klassische Geschäftsmodell – Suche, Klick, Anzeige – und das neue Modell – Agent erledigt Aufgabe direkt – passen strukturell nicht zusammen. Google hat noch keine überzeugende Antwort darauf.
2. Zwei Billionen-IPOs: OpenAI und SpaceX/xAI
Diese Woche wurde klar: Die grössten KI-Firmen der Welt gehen an die Börse – und die Spielregeln des wichtigsten Aktienindex wurden eigens dafür geändert.
OpenAI reichte am 22. Mai vertraulich seinen S-1-Prospekt bei der SEC ein. Goldman Sachs und Morgan Stanley begleiten den Deal. Angestrebte Bewertung: 852 Milliarden bis 1 Billion US-Dollar. Geplanter Zeitpunkt: Herbst 2026.
Die Zahlen: 25 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz (Stand März 2026). 50 Millionen Konsument:innen, 9 Millionen Business-Nutzer:innen. Microsoft hält 27 %, die OpenAI Foundation 26 % der neuen Public-Benefit-Corporation. Gleichzeitig verliert OpenAI im Q1 2026 pro eingenommenem Dollar 1,22 Dollar – und investiert 2026 rund 50 Milliarden Dollar in Rechenleistung.
SpaceX/xAI: Elon Musk hat xAI im Februar von SpaceX übernehmen lassen und als separates Unternehmen aufgelöst. Grok und X sind jetzt unter der neuen «SpaceXAI»-Einheit von SpaceX. SpaceX plant sein IPO für den 11. Juni an der Nasdaq (Ticker: SPCX), angestrebte Bewertung: 1,75 Billionen Dollar. Das würde den bisherigen IPO-Rekord von Saudi Aramco brechen. SpaceX wuchs 2025 um 30 % auf 18,7 Milliarden Dollar Umsatz – machte aber 4,9 Milliarden Dollar Verlust, weil xAIs Verluste sich auf 6,4 Milliarden Dollar beliefen.
S&P 500 Regeländerung: S&P Dow Jones Indices hat die Gewinnpflicht für IPOs, die gross genug sind, um in die Top 100 nach Marktkapitalisierung zu gehören, abgeschafft. Der Grund: OpenAI und SpaceX sollen direkt nach dem Börsengang in den Index aufgenommen werden können – ohne auf Profitabilität warten zu müssen.
Einordnung: Zwei Unternehmen, die sich am Markt noch nicht bewiesen haben, kommen bei einer Gesamtbewertung von fast 3 Billionen Dollar an die Börse – und der wichtigste Aktienindex ändert eigens seine Regeln, um sie reinzulassen. Damit fliesst Kapital aus Pensionskassen und ETFs automatisch in diese Unternehmen, ob die Anleger:innen das wollen oder nicht. Ich finde das fragwürdig: Wurde hier Hype und Scam Tür und Tor geöffnet? Alterskapital sollte nicht einem Hype zum Opfer fallen. Meine Empfehlung: Wer S&P 500 ETFs hält oder eine Pensionskasse hat, sollte jetzt prüfen, wo das Geld tatsächlich landet – und ob das der eigenen Anlagestrategie entspricht. Natürlich kann es auch funktionieren: Amazon hatte jahrelang keinen Gewinn gemacht und trotzdem den Handel transformiert. Aber das wussten die wenigsten ETF-Inhaber:innen damals – und sie hatten keine Wahl.
3. Anthropic: Preismodell ändert sich, KPMG ist dabei
Code with Claude fand am 6. Mai in San Francisco und am 19. Mai in London statt (Tokio folgt am 10. Juni). Die Kernfeatures – Dreaming (Agenten bauen eigenes Langzeitgedächtnis aus vergangenen Sessions), Multiagent Orchestration und Outcomes – wurden in SF erstmals gezeigt; in London für Entwickler:innen in der EU konkretisiert.
Was diese Woche neu ist: Ab 15. Juni trennt Anthropic programmatische Agentennutzung von den Standard-Chat-Limits. Pro-Nutzer:innen erhalten 20 Dollar monatliche Credits für Agenten-Ausführungen, Max 5x 100 Dollar, Max 20x 200 Dollar. Die API wuchs im Jahresvergleich um Faktor 17.
KPMG integriert Claude in Digital Gateway, die zentrale Arbeitsplattform aller 276'000 KPMG-Mitarbeitenden weltweit.
Einordnung: Das Preismodell-Update ist strukturell fair: Wer Agenten betreibt, zahlt für Agenten. Wer Claude für schnelle Antworten nutzt, merkt nichts. Wichtiger als das Pricing ist die Richtung: Mit Dreaming und KPMG-Rollout entwickelt sich Claude von einem Werkzeug zu einer Plattform, die in Unternehmensprozesse eingebettet ist.
4. Schweiz: KI-Boom mit zwei Geschwindigkeiten
Der DigitalBarometer 2026 (publiziert 24. Mai, Stiftung Risiko-Dialog / digitalswitzerland, n=1'278): Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung nutzen regelmässig KI-Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini. 48 % glauben, die Chancen überwiegen die Risiken. Aber nur 53 % fühlen sich sicher im praktischen Umgang. 76 % priorisieren Datenschutz vor Komfort. 59 % wollen, dass die Schweiz neue Technologien aktiv fördert.
Die UBS-Studie (19. Mai, n=2'500 Unternehmen): 60 % der Schweizer Unternehmen nutzen KI – aber selektiv, nicht systematisch. 97 % haben laufende KI-Initiativen. Nur 5 % haben eine Datenbasis, die für skalierte KI bereit ist.
Infomaniak: Gründer Boris Siegenthaler übertrug am 13. Mai die Mehrheit der Stimmrechte an eine neue gemeinnützige Schweizer Stiftung. Die Stiftung hält Spezialaktien, die nie veräussert werden können – Infomaniak ist damit strukturell vor Übernahmen geschützt. Das Unternehmen bleibt operativ unabhängig unter CEO Marc Oehler. Alle 36 Mitarbeitenden stimmten einstimmig zu.
Infomaniak ist meine persönliche Empfehlung für souveräne Cloud- und KI-Infrastruktur in der Schweiz. Schweizer Rechenzentren, kein Datentransfer in die USA, DSGVO-konform – und jetzt mit einer Eigentümerstruktur, die Langzeitstabilität garantiert. Für Unternehmen, die Daten die Schweiz nicht verlassen lassen wollen, ist das die logische Alternative zu AWS, Azure und Google Cloud.
Einordnung: 97 % KI-Initiativen, 5 % fertige Datenbasis. Das ist die eigentliche Aufgabe der nächsten drei Jahre – nicht das Einführen von KI-Tools, sondern das Bauen der Grundlagen dafür.
5. Mistral Medium 3.5: Konsolidierung statt Expansion
Mistral hat Medium 3.5 veröffentlicht und damit vier bisherige Produkte zusammengezogen: Medium 3.1, Magistral, Devstral 2 und die bisherige Coding-Assistenz in Le Chat und der Vibe CLI. Das neue Modell übernimmt Chat, Reasoning, Coding und agentische Aufgaben in einem System. Coding-Sessions laufen neu asynchron in der Cloud – parallel, ohne Überwachung.
Der strategische Schritt dahinter: Mistral folgt damit OpenAI und Anthropic in Richtung konsolidierter Generalisten-Modelle.
3 Dinge, die ich diese Woche beobachte
1. Personal Intelligence ist das Google-Feature mit dem grössten Alltagseffekt. Gmail + Drive direkt in der Suche, in 200 Ländern – das verändert, wie Menschen täglich mit ihren eigenen Informationen arbeiten.
2. Zwei verlustmachende Billionen-Unternehmen kommen in den S&P 500. Das ist ein Experiment auf Index-Ebene. Wenn es schiefgeht, trägt ein grosser Teil der globalen Altersvorsorge den Schaden.
3. Die 5%-Datenbasis-Zahl aus der UBS-Studie ist das relevanteste Benchmarking für KI-Beratung. Nicht «nutzt ihr KI», sondern «habt ihr die Grundlagen dafür» – das ist die richtige Frage.